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Der tote winkel
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Kapitel 3

ERSTER TEIL
Das Auge des Waldes

Vor ihr saß ein Mann. Er weinte.
Elina Wiik wusste nicht, was sie sagen sollte. Die Sache
war eine menschliche Tragödie, nicht mehr und nicht weniger.
Nachdem alle Details geklärt waren, gab es nichts mehr
hinzuzufügen. Sie sammelte ihre Papiere zusammen und erhob
sich.
»Ich werde dafür sorgen, dass man sie abholt.«
Der Mann hob schluchzend den Kopf.
»Werde ich dafür lange sitzen?«
»Ja. Das werden Sie.«
Sie trat auf den Korridor hinaus. Dort saß ein Mann an
einem Schreibtisch und las die Lokalzeitung.
»Wir sind jetzt fertig.«
Mein Gott, wie unnötig!, dachte sie, als sie das Untersuchungsgefängnis verließ. Hätte er die Sache nicht einfach auf sich beruhen lassen können? Was kostet eine halbe Flasche? Hundert Kronen?
Genauso war es: Der Wert einer halben Flasche Schnaps
war der Tageskurs für das Leben eines Menschen, der sich
um seinen Sinn und Verstand gesoffen hatte. Elina hatte einen weiteren Mord gelöst, ihren dritten Fall. Die Ermittlungen waren in weniger als einer Woche abgeschlossen gewesen.
Der Mann war sofort gefasst worden, nachdem der Nachbar
die Polizei gerufen hatte. Er hatte seine Lebensgefährtin mit einer gusseisernen Bratpfanne erschlagen. Sie hatten darüber gestritten, wer wie viel von einer Flasche Explorer-Wodka mit 0,7 l Inhalt bezahlt habe. Sobald der Mann wieder einigermaßen nüchtern gewesen war, hatte er die Tat gestanden, obwohl ihn sein Gedächtnis an mehreren entscheidenden Punkten im Stich gelassen hatte. Die Spuren des Mordes, genaugenommen handelte es sich um Totschlag, hatte der Kriminaltechniker der Polizei von Västerås, Erkki Määttä, ohne größere Mühe sichern können. Ein weiteres Verhör mit dem reumütigen und allmählich nüchtern werdenden Täter war durchgeführt worden, dann hatte Elina Wiik sämtliche Dokumente ausgedruckt und zusammengestellt, und damit war der Fall erledigt gewesen. Elina hatte nicht einmal die Hilfe eines anderen Mitglieds der vier Mann starken Mordgruppe des Dezernats in Anspruch nehmen müssen.
Man konnte kaum von einer Mordermittlung sprechen, jedenfalls
nicht im Vergleich zu jenen, die Elina in den letzten
zwei Jahren durchgeführt hatte. Ermittlungstechnisch
unterschied sich der Fall nicht sonderlich von den anderen,
mit denen sie sich den größten Teil ihrer Arbeitszeit befasste, während sie auf die großen Fälle wartete: Betrug, Körperverletzung, Einbruch und anderes kamen in Västerås nicht selten vor, dann, wenn niemand hinsah. Irgendwelche unaufgeklärten Morde gab es jedoch nicht, jedenfalls keine, die nicht schon vor Jahren ad acta gelegt worden wären und bald verjähren würden. Jetzt war ein ganzes Jahr vergangen, seit sie ihren letzten Mordfall gelöst hatte. Damals war Olavi Andersson zwei Tage vor der Reichstagswahl im September 2002 festgenommen worden und hatte ohne Umschweife einen dreifachen Mord gestanden. Aber es war gerade nicht der Zeitpunkt, über die Vergehen anderer nachzudenken.
Gerade interessierte sie sich vielmehr für ihre eigenen.
In ihrem Büro griff sie zum Telefon. »Ich bin’s.« Dann
blieb sie lange stehen und schwieg. »Danke, Susanne. Wirklich.«
Das Oberlandesgericht hatte sie freigesprochen. Dass sie
vergangenen Herbst Kurt Jörgen Hansson den rechten Mittelfinger in einem Restaurant auf der Insel Djurgården in Stockholm gebrochen hatte, den er ihr als Stinkefinger nur wenige Zentimeter vors Gesicht gehalten hatte, war nicht als Körperverletzung gewertet worden. Zu diesem Urteil war das Amtsgericht Västerås in einer früheren Instanz gekommen.
Ihre Anwältin und beste Freundin Susanne Norman hatte das
Oberlandesgericht davon überzeugt, dass die Handlung von
Kurt Jörgen Hansson als Gewaltandrohung zu verstehen gewesen sei. Elina Wiiks Reaktion, den Finger zu packen und
resolut zur Seite zu drücken, sei deshalb bloße Selbstverteidigung gewesen. Sie habe nicht die Absicht gehabt, Kurt Jörgen Hansson zu verletzen, seine Verletzung sei nur eine unglückliche Folge ihrer Notwehr gewesen.
Im Prozess vor dem Oberlandesgericht hatte Elina ausweichend auf die Fragen des Staatsanwaltes geantwortet, für wie ernst sie die Bedrohung gehalten habe. Dass ihr Motiv Wut und nicht Angst gewesen war, hatte sie mit keinem Wort erwähnt.
Auch nicht, dass sie lange hochzufrieden darüber gewesen
war, dass sie dem Mann den Finger gebrochen hatte.
Sie hatte vor dem Oberlandesgericht zwar nicht gelogen, aber auch nicht die Wahrheit gesagt.
Als Susanne vorgeschlagen hatte, auszugehen und den Freispruch zu feiern, hatte Elina dankend abgelehnt. Der Sieges-Champagner hätte bitter geschmeckt.
Sie warf einen raschen Blick auf den Korb mit den Ermittlungsakten, die auf sie warteten, und ging dann auf den Flur hinaus. Auf der anderen Seite, ein paar Türen weiter, lag das Büro von Oskar Kärnlund. Sie klopfte und wartete auf sein »Herein«.
»Wiik«, sagte er. »Nimm Platz. Ich muss nur rasch was fertig machen.« Sie wartete schweigend, während er etwas auf Papier notierte. Dann sah er hoch. »Ja?«
»Das Oberlandesgericht hat mich freigesprochen«, sagte sie
mit neutraler Stimme. »Sie haben das mit der Notwehr akzeptiert.«
Kärnlund klatschte in die Hände. »Ausgezeichnet. Ich
wusste doch, dass meine Beamten keine Leute misshandeln.«
Elina starrte auf die Tischplatte. »Ich hatte eine gute Anwältin.«
»Hauptsache, du hast jetzt wieder eine weiße Weste.«
Sie wurde zwar freigesprochen, aber über die Verurteilung
im Amtsgerichtsprozess hatten die lokalen Medien dennoch
berichtet. Ganz sauber war ihre Weste also nicht, was Elinas schlechtes Gewissen etwas erleichterte.
»Ich habe auch etwas zu erzählen«, sagte er und runzelte
die Stirn. »Eine Sache, über die du dich nicht sonderlich freuen wirst, glaube ich. Wie du weißt, gehe ich zum Jahreswechsel in Rente, ich höre noch vor Weihnachten auf.«
»Ich weiß«, erwiderte sie. »Bedauerlich, finde ich. Für mich, meine ich. Aber sicher schön für dich.«
»Was ich sagen wollte, ist Folgendes: Wahrscheinlich werde
ich einen Nachfolger bekommen, der nicht unbedingt zu
deinen Favoriten gehört.«
Elina war klar, wen er meinte. Egon Jönsson würde der
neue Chef des Kriminaldezernates in Västerås werden. Jönsson wusste Polizistinnen ungefähr genauso zu schätzen wie eine Sommergrippe. Jönsson hielt sie vermutlich für eine besonders schlimme Infektion, seit sie ihm einmal vor zwei Jahren bei einem Brandstiftungsfall in Surahammar auf die Finger gehauen hatte. Jönsson hatte nicht den Schneid, für seine Fehler einzustehen. Er besaß auch nicht die Fähigkeit, mutmaßliche Kränkungen zu verzeihen.
»Jönsson!«, sagte sie und machte eine Miene, als hätte sie
in eine Zitrone gebissen. »Was für eine ausgezeichnete Wahl
eines Chefs. Damit steht meiner eigenen Karriere ja nichts
mehr im Wege. Als Nächstes werde ich wahrscheinlich in den
Fahrradkeller abkommandiert.«
»Er hat auch gute Seiten«, meinte Kärnlund. »Deswegen
hat er den Job bekommen. Er arbeitet ungewöhnlich strukturiert, und ein Chef muss sich schließlich auch um die ganze Verwaltung kümmern. Außerdem hat er zwanzig Jahre lang Erfahrungen hier am Dezernat gesammelt. Da kommt sonst keiner dran.«
Elina seufzte. »Und was passiert jetzt?«
»Formell ist der Beschluss noch nicht gefasst, aber in der
Praxis steht er fest. Wir werden uns den Rest meiner Zeit die Verantwortung teilen. Ab morgen.«
»Er ist also ab morgen mein Chef?«
»Ja, allerdings bis auf Weiteres unter meiner Leitung, versteht sich.«
»Glaubst du, dass er an der Mordgruppe festhalten wird?
Und an mir in der Gruppe?«
»Ich hoffe. Bislang hat es sich ja als richtige Initiative erwiesen, dass sich einige von uns auf Mordermittlungen spezialisiert haben. Außerdem war das eine Entscheidung, die an oberster Stelle gefällt worden ist. Du wirst vermutlich weitermachen dürfen.«
»Mal seh’n«, murmelte Elina und erhob sich. In der Tür
drehte sie sich noch einmal um. »Ich habe den Fall an die
Staatsanwaltschaft weitergeleitet. Du weißt schon, die Gusseisenpfanne.
Morgen wende ich mich den Stapeln auf meinem Schreibtisch zu. Falls Jönsson nicht etwas anderes für mich geplant hat, versteht sich. Tschüs!«
Es regnete, als sie das Präsidium verließ. Sie hatte keinen
Regenschirm dabei. Ein Auto besaß sie auch nicht mehr. Nach
fünf Anzeigen war es ihr gelungen, den Micra zu verkaufen.
Sie hatte das Gefühl, mit dem Erlös für die fünf Jahre alte
Klapperkiste gerade mal die Kosten der Anzeigen gedeckt zu
haben. Der Gewinn, der ihr schließlich übriggeblieben war,
würde höchstens für ein Moped reichen. Demnächst musste
eigentlich von der Bank die Antwort auf ihre Nachfrage wegen eines Kredits kommen. Dann würde sie sich ein größeres und neueres Auto zulegen. Sie hoffte, dass sie mit einem neuen Auto auch wieder bessere Laune bekommen würde.
Im Augenblick bemitleidete sie sich nur selbst, und das verabscheute sie.
Auf dem Nachhauseweg durch den Nieselregen dachte sie
darüber nach, wem sie eine E-Mail schicken und wen sie anrufen sollte. Immerhin gab es doch einige Leute, die sich über ihren Freispruch freuen würden. Sie wollte als Erstes ihren Vater anrufen, vielleicht kam ja auch ihre Mutter an den Apparat.
Sie hatten sich Sorgen gemacht. Mit Nadia wollte sie
erst später sprechen, wenn sie sich das nächste Mal verabredeten.
Nadia würde jubeln und finden, dass diesem Schwein
im Anzug nur recht geschehen sei, dass sie ihm erst den Finger gebrochen hatte und dass er jetzt auch noch Elinas Freispruch erleben musste.
Elina lächelte, als sie an Nadia dachte. Und an Anton … ja,
mit ihm sollte sie wohl ebenfalls sprechen.
Sie hatte Anton letzten Herbst kennengelernt, er war ein
Bekannter eines Exfreunds. Sie waren rasch ein Paar geworden, ein erster Händedruck hatte genügt. Er war genauso alt wie sie, wohnte in einer Zweizimmerwohnung im Stockholmer Stadtteil Kungsholmen und schlug sich mit Dokumentarfilmen und als Fotograf durch. Im Winter und Frühjahr hatte sie noch an diese Beziehung geglaubt, aber dann hatten sie seine Marotten immer mehr gestört. Nach dem Urlaub vor zwei Monaten war sie zu dem Ergebnis gekommen, dass er nur ein Ersatz für Martin gewesen war. Mit Martin hatte sie Schluss gemacht, als er seine Frau nicht hatte verlassen wollen.
Sie hätte jetzt am liebsten Martin angerufen.
Sie hatte Anton immer noch keinen reinen Wein eingeschenkt.
Und morgen würde Jönsson als ihr neuer Chef an der
Acht-Uhr-Besprechung teilnehmen. Sie tat sich wirklich leid.

 

Copyright © 2020 Thomas Kanger