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Der tote winkel
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Kapitel 1

Wie Schorf aus Asphalt lag die Stadt über dem Sand ausgebreitet, ohne wirkliche Verankerung. Nur das Gewicht
der Häuser und die Füße der Menschen schienen sie an ihrem
Platz zu halten. Überall drohte die Natur sich den verlorenen Grund wieder zurückzuholen. Vom Stadtrand her, vom Strand im Norden und durch unzählige Risse im Asphalt blies Sand heran. Manchmal wehte er in rotgelben Stürmen von Süden heran und drang überall ein, auch durch noch so kleine Häuserritzen. Selbst vor den Mündern der Kinder machte er nicht halt.
Alles hier schien provisorisch zu sein. Die Häuser waren
in Windeseile errichtet worden. Die Straßen besaßen etwas
Vorläufiges. Die Menschen waren auf dem Sprung, obwohl es
kein Entkommen gab. Nichts ließ darauf schließen, dass die
Stadt bereits seit 3400 Jahren existierte und dass ihre heutige Bevölkerung sie nur wenige hundert Jahre später eingenommen hatte und seither dort geblieben war.
Am provisorischsten wirkte Mokha’am Al-Shatea, das
Strandlager, obwohl dieser Platz seit über fünfzig Jahren Männer und Frauen mit ihren Kindern und Enkeln beherbergte.
Die meisten, die dort lebten, sahen ein, dass das Provisorische in Wirklichkeit beständig war. Niemals würden Ahmed, Hussein, Samira, Fatima oder ihre Brüder und Schwestern, Stammesverwandten und Nachbarn einschließlich Cousins, Neffen, Nichten und andere Angehörige in unüberschaubaren verwandtschaftlichen Verzweigungen das Glück haben, auf den Hügeln von Haifa, in den Tälern Galiläas oder in den Gärten Askalons zu wandern. Die Schlüssel und die verblichenen Einträge im Grundbuch, die zu ihren Häusern gehörten, die sie übernommen hatten oder die heruntergekommen waren, würden mit ihnen in der sandigen Erde Gazas begraben werden.
Fariz erwachte früh. Er hatte seiner Mutter versprochen, heute zur Schule zu gehen. Vorher würde er noch seine kleine Schwester und seine beiden jüngeren Brüder zu ihrer Schule am Ende der Gasse begleiten. Er lag im Bett und starrte an die Decke. Neben ihm stöhnte sein älterer Bruder im Schlaf und wedelte mit der Hand unsichtbare Fliegen weg. Der Bruder, der weder sprechen noch verstehen konnte und der mit dem Löffel gefüttert werden musste. Wenn der Vater einmal alt und schwach war, dann würde Fariz das Familienoberhaupt sein.
Er hatte jeden Tag dasselbe versprochen. Jeden Tag hatte er
das Versprechen gehalten und dann gebrochen. Er war dorthin
gegangen, wo er hatte hingehen sollen, war aber dann, sobald sich die Gelegenheit ergeben hatte, wieder von dort weggeschlichen.
Er hörte ihre Ermahnungen, beachtete sie aber nicht. Auch an diesem Tag würde es nicht anders sein. Als er seinen Humus mit Brot aß und brackig schmeckenden Tee dazu trank, ermahnte und beschimpfte ihn seine Mutter erneut. Er saß schweigend da, bis sie ihm ein neues Versprechen abverlangte. »Aiwa«, antwortete er, da das das Einzige war, womit sie sich zufrieden gab.
An der Mauer, die seine Schule umgab, hingen bereits drei
Plakate mit Gesichtern. Am meisten bewunderte er den ältesten
Jungen, Hamed, der siebzehn Jahre alt wurde und einen
solchen Mut bewiesen hatte. Hamed hatte Fariz und drei
weiteren Klassenkameraden erzählt, dass sein ältester Bruder beim letzten Mal getötet worden war. Er sei damals erst acht gewesen, könne sich aber noch gut an den blutigen Pullover seines Bruders erinnern. Er erzählte von den Versammlungen, denen er als Zuhörer hatte beiwohnen dürfen. Jetzt sei endlich er an der Reihe.
Ehe er die Schule betrat, blieb Fariz an der Mauer stehen
und sah Hamed an. Sein Gesicht war auf einem grünen Plakat
mit der Al-Aksa-Moschee im Hintergrund verewigt.
Die Unterrichtsstunden schlichen dahin, und Fariz hatte
Mühe zuzuhören. Erst als der Lehrer die Schüler bat aufzupassen, weil der Präsident einen Beschluss gefasst habe, der insbesondere sie betreffe, wachte er auf. »Niemand unter fünfzehn Jahren darf an den Streitigkeiten teilnehmen«, sagte der Lehrer. »Die Komitees werden aufgefordert, alle Kinder abzuweisen.«
»Abweisen? Wie denn?«, fragte Fariz, noch bevor er es sich
recht überlegt hatte.
»Dieser Beschluss gilt auch für dich, Fariz«, antwortete der Lehrer. »Deine Mutter hat mit mir gesprochen. Du weißt,
dass du ihr gehorchen musst. Nach dem Unterricht müsst ihr
alle nach Hause gehen.«
»Ich bin kein Kind, ich bin vierzehn«, protestierte Fariz.
»Du hast den Beschluss des Präsidenten vernommen«, sagte der Lehrer. »Du musst warten, deine Zeit kommt früh
genug.«
In der Pause beschloss Fariz, sich davonzuschleichen. Bassam wollte ihn begleiten. Zusammen kletterten sie über die Mauer auf der Rückseite der Schule und rannten los. Als sie außer Sichtweite waren, wurden sie langsamer und gingen dann in normalem Tempo weiter. Bis zur Kreuzung war es ein ziemliches Stück. Sie versuchten zu trampen, aber kein Auto hielt an. Je näher sie kamen, desto mehr Jungen sahen sie auf der Straße. Die Schulen, die näher am Wachposten der jüdischen Siedlung lagen, hatten den Unterricht für diesen Tag beendet, und die älteren Jungen versammelten sich.
Einige unterhielten sich, aber die meisten von ihnen schwiegen.
Es war so weit.
Noch ehe Fariz und Bassam eintrafen, hörten sie die ersten
Detonationen. Fariz konnte die verschiedenen Geräusche
mühelos unterscheiden. Das Paffen der Tränengasgranaten,
das dumpfe Knallen der gummiummantelten Stahlkugeln, das
Pfeifen der Plastikgeschosse und das scharfe Knattern der Maschinenpistolen.
Fariz zog die Schultern ein und sammelte, während sie weitergingen, Steine von der Straße auf.
Vor dem Zaun der Siedlung und dem Wachturm mit der
weißblauen Flagge standen ein Panzer, zwei gepanzerte Fahrzeuge und mehrere Jeeps mit Soldaten. Fünfzig Meter weiter stieg schwarzer Rauch von brennenden Reifen auf. Jungen mit Schleudern rannten hinter dünnen Blechbarrikaden hervor und feuerten in raschen Angriffen ihre Steine ab. Fariz’ Herz raste, aber Angst hatte er keine. Als er an einer Reihe wartender Krankenwagen des Roten Halbmonds vorbeikam, fuhren gerade zwei mit quietschenden Reifen und heulenden Sirenen los, um weitere Verletzte abzuholen.
»Ich habe keine Zwiebel«, sagte Fariz an Bassam gewandt.
»Hast du eine?« »Na’am«, antwortete Bassam und zog zwei
Zwiebelhälften aus der Hosentasche. Die eine reichte er Fariz, und sie rieben sich ihre Gesichter mit der Zwiebel ein, um das Tränengas besser ertragen zu können.
Sie rannten auf ein aufrecht stehendes Betonrohr zu und
gingen mit zwei älteren Jungen dahinter in die Hocke. Fariz
steckte die Hand in seine Tasche und zog drei Steine aus ihr hervor. Dann lief er so weit vor, wie er nur wagte, und warf einen Stein nach dem anderen, näher und näher. Er sah, dass er mit einem die Kühlerhaube eines Jeeps getroffen hatte. Ein Junge hinter ihm warf einen Molotowcocktail, der auf dem Hang vor den Soldaten aufflammte. Ehe der Junge wieder das Betonrohr erreicht hatte, ertönte der dumpfe Knall eines Gewehrs, und er stürzte.
Ein Panzer rollte heran, weitere Tränengasgranaten wurden
abgefeuert, und die Brigade der Steinewerfer zog sich vorübergehend zurück. Aber Fariz blieb stehen. Der Panzermotor dröhnte, und die Raupenketten fraßen sich im Lehm vorwärts.
Fariz sah auf den Jungen, der immer noch bäuchlings auf der
Erde lag, und anschließend auf den Panzer, der sich ihm näherte.
Er bückte sich und hob ein paar Steine vom Boden auf,
die schon zuvor als Waffen gedient hatten. Dann rannte er
auf den Panzer zu und warf einen Stein nach dem anderen auf
ihn. Der Panzerfahrer setzte etwas zurück, und Fariz verfolgte ihn. Jubelnd streckte er seine Arme in die Luft.
Ein Knall durchschnitt die Luft. Fariz fasste sich an den
Hals. Blendendes Licht, das immer greller zu werden schien,
als würde er in die Sonne starren. War es so?
Ihre schweren Glieder wollten sich nicht schnell genug bewegen.
Wenn sie zu laufen versuchte, verfing sie sich in ihren
Röcken. Als sie schließlich dort war, fehlten ihr die Worte, aber Worte wären sowieso überflüssig gewesen. Der Arzt bat sie, Platz zu nehmen.
»Umm Fariz, Ihr Sohn ist nun ein Märtyrer.« In diesem Augenblick blieb die Zeit für sie stehen. Der Arzt beschrieb, was vorgefallen war. Die Kugel hatte den Hals seitlich gestreift, unter normalen Umständen hätte er wahrscheinlich überlebt.
Aber da es sich um ein Projektil gehandelt hatte, das zersplitterte, wenn es auf menschliches Gewebe traf, war ein Splitter ins Gehirn gedrungen. Er war an Ort und Stelle gestorben.
Umm Fariz hörte zu, ohne zu verstehen. Von Fariz würden ihr
nur die Erinnerung in ihrem Herzen und ein weiteres Plakat
an der Schulmauer bleiben.
Am Tag darauf wurde der kleine Leichnam in die rot-grünschwarzweiße Flagge gehüllt und auf den Schultern von
zehn Männern auf einer Bahre durch die Straßen getragen.
Aus dem Strandlager waren Tausende gekommen, um Fariz
die letzte Ehre zu erweisen. Ganz hinten im Leichenzug fuhr
Umm Fariz in tiefster Trauer in einem Auto mit.
Am Steuer des Wagens saß Sayed, der jüngste Onkel von
Fariz, der nur acht Jahre älter war. In der Tasche trug er ein Stück Papier mit sich:
Eine Blume,
von Gott gepflückt,
ehe sie noch geblüht hat.
Sayed spielte gern Fußball. Bevor die Intifada in diesem
Herbst ausgebrochen war, hatte er oft mit Fariz gespielt. Er hatte versucht, ihm das Dribbeln beizubringen. Doch durch die Absperrungen, die im Zuge der Intifada durchgeführt worden waren, hatte er seine Arbeit als Tagelöhner auf der anderen Seite verloren. Und eine Ausbildung konnten sich Sayed und seine Familie nicht leisten.
Sayed wollte kein Märtyrer werden. Er wollte Fußballspieler
werden. Als Fariz in der Grube verschwand, fasste er einen
Entschluss. Er würde fliehen. Er wusste nicht, wie er es
bewerkstelligen sollte oder was es kosten würde. Aus Gaza
zu flüchten, das ein Gefängnis war, schien schier unmöglich.
Aber er wusste, dass es Menschen gab, die Schlupflöcher
kannten. Vielleicht wussten die auch, wie man weiterkam,
wenn es einem geglückt war, die Grenze zu überwinden? Weiter nach Europa und in den hohen Norden.

 

Copyright © 2019 Thomas Kanger