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Der Blinde Fleck
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Kapitel 4

4. KAPITEL
Als Elina am nächsten Morgen erwachte, regnete es in Strö¬men. Die Wassermengen befreiten den Dorfplatz von Staub und Dreck, und die Bewohner verließen ihre Häuser nicht, wenn sie nicht unbedingt mussten. Auch Elina bereitete sich ihr Frühstück in ihrer kleinen Küche zu, statt ins Café zu ge¬hen. Die Zeit verging sehr langsam. Gelegentlich hielt sie mit¬ten in einer Bewegung inne und verharrte. Sie hatte Schwie¬rigkeiten sich zu konzentrieren, erinnerte sich nicht, was sie als Nächstes machen wollte.
Am späten Nachmittag hielt sie es nicht mehr aus. Sie zog sich Jacke und Stiefel an und lief durch den Regen zu ihrem Wagen. Sie wollte die vier Kilometer zu seinem Haus an der Landstraße entlang nicht zu Fuß gehen. Sein Fiat stand nicht in der Einfahrt. Sie stieg trotzdem aus und klopfte an die Tür. Niemand öffnete. Mit großer Mühe unterdrückte sie den Im¬puls, durch eine der Fensterscheiben in das nur einstöckige Haus zu schauen. Der Regen nahm zu, und sie zog sich in ih¬ren Wagen zurück.
Da wurde ihr bewusst, dass sie nichts über seine Verhält¬nisse wusste, nicht einmal, ob er allein dort wohnte. Vielleicht lebte er sogar mit einer Frau zusammen? Was hatte er noch unten am Strand gesagt? Dass er es genoss, dort allein sein zu können. Hatte sie das womöglich falsch verstanden?
Elina startete den Motor, um umzukehren, als im selben Au¬genblick ein roter Fiat von der Landstraße bog. Erneut ver¬ließ sie ihren Wagen, stand im Regen und schlug die Arme um den Körper, um sich gegen die Nässe zu schützen. Das rote Auto hielt an, er stieg aus und kam auf sie zu. Wortlos nahm er ihren Arm und zog sie mit sich ins Haus. Elina folgte ihm widerstandslos. Er half ihr aus der nassen Jacke und ließ sie auf den Boden gleiten. Dann legte er seine Arme um sie und küsste sie. Am darauffolgenden Morgen stand er ziemlich früh auf. Er sagte ihr, dass er den ganzen Tag unterwegs sein wür¬de, dass sie sich aber am Abend wiedersähen. Ohne eine wei¬tere Erklärung legte er die Hausschlüssel auf den Tisch, als er ging.
Elina zog sich an und setzte sich an den Küchentisch. Das Haus war klein, unwesentlich geräumiger als die Wohnung, die sie in der Innenstadt gemietet hatte. Es war auch sehr sparsam eingerichtet und verriet nichts über seinen Bewoh¬ner. Waren das seine Möbel? Auf einer Kommode stand eine Sanduhr, der einzige dekorative Gegenstand, den sie entde¬cken konnte. War er auch nur Untermieter, so wie sie? Sie hat¬te ihn nicht gefragt. Er aber hatte ihr auch keine einzige Fra¬ge über ihre Vergangenheit gestellt. All das hatte in der Nacht keine Bedeutung gehabt. Sie hatten ab und zu im Dunkeln ein paar Worte gewechselt, beinahe geflüstert, doch ihre Lippen trennten sich nur selten voneinander.
Sie wusste nicht, was sie mit dem Schlüssel machen sollte, als sie das Haus verließ. Sollte sie ihn mitnehmen? Sollte sie am Nachmittag zurückkehren? Sie entschied sich dafür, ihn unter die Eingangstreppe zu legen, das erschien ihr als ein gutes Versteck für einen Schlüssel, falls er ihn suchen sollte. Als sie auf ihr Auto zuging, hörte sie hinter sich die Ziegen blöken. Der Bauer stand neben ihnen und sah zu ihr herüber, die beiden Häuser trennten nicht mehr als fünfzig Meter. Sie lächelte ihn an, aber er reagierte nicht, stand nur regungslos da und starrte sie an.
Sie kehrte in den Ort zurück. Ihr Körper fühlte sich weich und geschmeidig an. Sie musste immer wieder grundlos ki¬chern. Das Grün des Berghangs leuchtete in der Sonne. Die Morgenluft war so erfrischend wie nie zuvor. Die En¬gel spielten in hohen Wolken. Als die Wirtin ihr einen Kaffee an ihren Tisch brachte, griff sie übermütig deren Hand und drückte sie fest. Die Wirtin lächelte sie an, so als würde sie alles verstehen.

Am späten Abend kam er zu Elina, mit Wein und Speisen. Er umarmte sie.
In der Morgendämmerung erwachte sie. Das frühe Tages¬licht fiel auf Alex’ Gesicht. Sie beobachtete ihn, er schlief tief, regungslos und sah zufrieden aus. Vorsichtig beugte sie sich vor und schnupperte an der weichen Stelle, wo Hals und Schulter ineinander übergingen. Der schwache Geruch von männlichem, salzigen Schweiß erfüllte sie mit großem Glück und großer Lust. Sie wollte seine Haut an ihrer Wange spü¬ren, seinen Nacken küssen, mit ihrer Hand über seinen Körper gleiten. Sie stützte sich auf und betrachtete ihn. Da öffnete er seine Augen, als hätte ihre bloße Nähe ihn geweckt.
»Ich habe von dir geträumt«, sagte er. »Ich habe geträumt, dass du fortgehst.«
»Wohin bin ich in deinem Traum denn gegangen?«
»Das weiß ich nicht. Du bist in einen Zug gestiegen. Dann bin ich aufgewacht.«
»Wenn ich fortgehen würde, würdest du mitkommen?«
Er umschlang sie mit den Armen und zog sie an sich. »Wir sind doch schon längst auf einer Reise«, erwiderte er.

Auch am nächsten Morgen stand er früh auf.
»Wohin fährst du?«, fragte Elina.
»Ich muss zur Arbeit«, gab er zur Antwort. »Nicht jeden Tag, aber heute.«
»Und was machst du?«
»Ich helfe Menschen, die meine Hilfe benötigen. In einer Stadt, die weiter weg ist. Darum bin ich auch immer so lange fort. Aber heute Abend komme ich wieder zurück.«
Er setzte sich neben sie auf die Bettkante und streichelte ihren Rücken. Sie griff nach seiner Hand und drückte sie ge¬gen ihre Wange.
»Wie kannst du ihnen helfen?«, fragte Elina.
»Das sind Menschen, die in Schwierigkeiten geraten sind und nicht wissen, was sie tun sollen. Ich gebe ihnen Ratschlä¬ge.«
»Sind das Leute wie ich? Die ihren Job, ihre Heimat, ihre Familie und ihre Freunde zurückgelassen haben, ohne auch nur einen Augenblick darüber nachzudenken?«
»Vielleicht«, antwortete er. »War es denn die richtige Ent¬scheidung?«
Sie setzte sich auf und legte ihren Kopf an seine Schulter. Er hielt sie fest und zog sie noch dichter an sich. Dann stand er auf und ging.
Alex verließ auch an den folgenden Tagen das Haus in aller Frühe. Elina verbrachte die mit Warten. Wenn er bei ihr war, wurde alles andere bedeutungslos. Nachts lagen sie schweigend und eng umschlungen beieinander. Dann folgten ein paar Tage, die sie gemeinsam verbringen konnten. Er fragte sie immer erst, worauf sie Lust hätte, bevor er etwas vorschlug. Häufig fragte er sie, ob sie Wünsche hätte, die er ihr erfüllen könnte. Vertrat er eine Meinung, wollte er gerne ihre Ansicht dazu hören. Wenn andere Menschen in ihrer Nähe waren, konzentrierte sich seine Aufmerksamkeit immer in erster Linie auf sie. Elina registrierte, dass er ihr nie den Rücken zukehrte. Als Liebhaber war er sehr rücksichtsvoll, aber sie begriff schnell, dass er nur wenig Erfahrung hatte und darum fast zu vorsichtig war. Sie hatte große Freude daran, ihm dabei zu helfen.
In ihren Gesprächen hielten sie ihre Weltanschauungen ge¬geneinander. Aber in jeder Unterhaltung entdeckten sie einen Gleichklang, eine Gemeinsamkeit, auch wenn die Ansichten nicht immer übereinstimmten.
Sie machten Ausflüge und besuchten Orte, die beide noch nie zuvor gesehen hatten. Sie gingen Arm in Arm spazieren, oft ohne ein Wort zu sprechen. Es gab nicht viel zu sagen. Von Tag zu Tag erweiterten sie ihre gemeinsame Landschaft.
Elina schrieb ein paar Postkarten, an ihre Eltern, an Nadia und an Susanne. Sie erzählte ihnen, dass sie noch nicht wuss¬te, wann sie zurückkehren würde, dass sich ihr Leben jedoch endlich verändert hätte. Sie wollte keine Einzelheiten darüber schreiben. Die Gefahr war zu groß, dass es zu platt klingen würde. Aber sie war sicher, dass sie begreifen würden, wie glücklich sie war.

Eines Abends schlief Alex in Elinas Armen ein, sie selbst war hellwach. Vorsichtig befreite sie sich aus seiner Umarmung und schlich aus dem Zimmer. Sie setzte sich aufs Sofa in ih¬rem Wohnzimmer. Über zwei Wochen war es nun her, dass sie den Mann vom Strand kennengelernt hatte. Diese Begegnung hatte alles verändert. Ihre Frustration über ihren Job, über ihr desolates Leben, all die Ursachen für ihre Flucht aus ihrem al¬ten Dasein hatten sich in Luft aufgelöst. Wie war das nur mög¬lich? War sie die ganze Zeit einfach nur auf der Suche nach einem Mann gewesen, den sie lieben durfte und von dem sie geliebt wurde? Oder hatten der große Abstand und die ver¬schobene Perspektive zu dieser Veränderung beigetragen?
Zeit ihres Lebens hatte sie nach Perfektion gestrebt. Ihr ei¬gener Anspruch an das Leben hatte keine Kompromisse vor¬gesehen. Dieses Unvermögen trieb sie zwar unablässig an, ent¬sagte ihr aber gleichzeitig eine Pause und die Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen. Endlich hatte sie Ruhe gefunden.
Die Kirchenglocke schlug elf Mal. Ein feiner Regen fiel ge¬gen die Fensterscheibe. Kein Laut war zu hören, es herrschte absolute Stille. Sie stand auf und stellte sich ans Fenster. Zu¬erst dachte sie, dass der Dorfplatz so leer war wie immer zu dieser Uhrzeit. Aber dann entdeckte sie eine junge Frau, oder war es ein Mädchen? Sie stand unter der Straßenlaterne auf der anderen Seite des Platzes. Der Lichtschein fiel auf ihr Haar. Plötzlich drehte sie ihr Gesicht und sah zu Elina in den zweiten Stock hoch. Der Abstand zwischen ihnen war groß, aber Elina fühlte, wie sich ihre Blicke begegneten. Das Mäd¬chen blieb eine Weile reglos dort unten stehen. Dann löste sie sich aus dem Lichtkegel der Laterne, ging das regennas¬se Kopfsteinpflaster hinunter und wurde schließlich von der Dunkelheit verschluckt.


 

Copyright © 2020 Thomas Kanger