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Der Blinde Fleck
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Kapitel 1


ERSTER TEIL
Die Flucht

1. KAPITEL
In fünfhundert Metern Höhe gefror ein mikroskopisch kleiner Wassertropfen in einem Nimbostratus zu Eis. Das Eiskristall stieß mit mehreren Wassertropfen zusammen, die augenblick¬lich gefroren. Es wurde immer größer und fiel dann durch die Wolke zur Erde hinab. Langsam schwebte die Schneeflocke zu Boden.

Kurz bevor sie die Erde berührte, trat Elina Wiik aus der Tür des Hauses im Lidmansvägen in Västerås. Es war Mittwoch, der 23. März 2005, die Woche vor Ostern. Es war früh am Morgen, Viertel vor acht, und schon hell. Die Schneeflocke legte sich auf ihre Unterlippe, wo sie schmolz und wieder zu einem Wassertropfen wurde. Elina leckte ihn mit der Zunge ab, und auf diese Weise begleitete sie ein kleiner Teil dieser dunklen Wolke den Oxbacken hinunter auf ihrem Weg zum Polizeipräsidium. Als Elina das Gebäude erreicht hatte, blieb sie regungslos und scheinbar ohne Grund davor stehen und ließ die Sekunden verstreichen.
Vor etwa einem Monat war sie sechsunddreißig geworden. Ihren Geburtstag hatte sie bei ihren Eltern in Märsta außerhalb von Stockholm gefeiert. Bodwin und Maria Wiik hatten ihr ein Spielflugzeug geschenkt und an dessen Fahrwerk einen Gutschein geknotet. Der versprach ihr fünftausend Kronen für eine Reise ihrer Wahl. Elina fand das viel zu viel, aber ihr Vater hatte alle Proteste mit der Hand weggewischt:
»Du musst mal raus, was anderes sehen als immer nur die¬selben vier Wände.«
Am Abend danach war sie von ihren Freundinnen Susanne und Nadia zum Essen in ein Restaurant eingeladen worden. Susanne und Nadia sahen sich nicht so häufig, hatten sich aber vor dem Geburtstagsessen ein paarmal unter vier Augen ge¬troffen. Sie machten sich Sorgen. Elina war in letzter Zeit so antriebslos geworden, beinahe gleichgültig sich selbst und ih¬rer Umgebung gegenüber. Beide hatten sie ein Gespräch mit ihr gesucht, wollten wissen, was los sei. Doch sie hatten nur ausweichende Antworten erhalten.
Zu Beginn des Abends war die Stimmung aufgekratzt. Sie hatten sich schick gemacht. Auch Elina schien bester Lau¬ne zu sein. Gegen elf Uhr aber wollte sie dann überraschend aufbrechen. Sie habe leichtes Fieber, entschuldigte sie sich. Als ihre Freundinnen sie zu überreden versuchten, noch ge¬meinsam durch die Bars zu ziehen, senkte sie ihren Blick und schüttelte den Kopf.
Es war erst einige Monate her, dass Elina in ihrem Arbeitszimmer im Polizeipräsidium am Fenster gestanden und auf den grauen Innenhof gestarrt hatte. Auf ihrem Schreibtisch lagen mehrere Akten von Vergewaltigungsfällen, die ihr von ihrem Chef Egon Jönsson übertragen worden waren. Damit war Elina wieder an dem Punkt angekommen, an dem sie vor drei Jahren begonnen hatte. Ihre Zeit als Kommissarin im Morddezernat war vorbei. Jönsson hatte ihr das Privileg entzogen, die schwersten und interessantesten Fälle zu bearbeiten. Am Ende des Kräftemessens zwischen den beiden, das im vergangenen Herbst seinen Höhepunkt erreicht hatte, war er als der Stärkere hervorgegangen. Elina wollten ihren eigenen Weg gehen, Jönsson hatte versucht, sie zu seiner Marionette zu machen. Am Ende musste sie aus der Mordkommission ausscheiden und beschloss, das Dezernat zu verlassen. Unter Jönssons Ägide wollte sie nicht weiterarbeiten.
Sie sah sich nach Alternativen um. Sie hatte die Wahl, sich ein neues Dezernat auszusuchen oder den Beruf zu wechseln. Der Hinweis aus den Reihen der Reichskriminalpolizei in Stockholm auf eine Stelle als Ermittlerin erwies sich als hei¬ße Luft. Sie wusste selbst nicht recht, was sie gerne machen würde. Zunehmend lustloser studierte sie die Jobanzeigen in den Zeitungen und im Netz.
Die Wochen vergingen, und sie blieb auf ihrem Posten. Sie erledigte ihre Arbeit tadellos, aus Pflichtgefühl. Die misshan¬delten Frauen sollten nicht darunter leiden müssen, dass sie selbst das Opfer eines Übergriffes geworden war. Sich jedoch tagein, tagaus klaglos im Polizeipräsidium aufzuhalten war, als würde sie in einer zerrütteten Ehe verharren. Das Leben fand an einem anderen Ort statt. Der Winter linderte den Schmerz ein wenig, die Kälte und die Dunkelheit legten sich wie ein schützendes Gewand um sie.
Doch dann kam der Frühlingsanfang, die grauen Tage wur¬den langsam heller. Sie konnte sich nicht länger verstecken. Regungslos stand Elina vor dem Eingang des Polizeipräsidi¬ums. Ein Kollege ging an ihr vorbei und hielt ihr die Tür auf. Elina lächelte ihn an, rührte sich aber nicht von der Stelle. Er erwiderte ihr Lächeln und ging hinein. Als die Tür sich schloss, drehte sie, ohne zu zögern, auf dem Absatz um und ging dieselbe Strecke zurück, die sie gekommen war.
Kaum war sie in ihrer Wohnung angekommen, überprüfte sie ihre Kontoauszüge. Auf dem Sparkonto hatte sie gut sechs¬unddreißigtausend Kronen. Das Gehaltskonto wies noch ein Plus auf, außerdem stand die Überweisung des nächsten Mo¬natsgehalts kurz bevor. Und ihre Eltern hatten ihr fünftausend Kronen geschenkt.
Sie holte eine Reisetasche vom Dachboden und legte sie aufs Bett. Kleidungsstücke, Waschzeug und ein paar Bücher. Das war alles. Sie schloss die Tür sorgfältig hinter sich ab, nahm die Tasche und setzte sich in ihren Wagen. Nur wenige Minuten später befand sie sich bereits auf der Europastraße nach Süden.

 

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