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Der Sonntagsmann
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Kapitel 3

Eine Frau eilte durch die Straßen Oslos. Sie rannte nicht, ging aber sehr schnell, als wolle sie entkommen. Sie wollte das Unbehagen hinter sich lassen. Gerade eben noch war sie in einem Geschäft gewesen und hatte sich die Waren angesehen. Ein Kaufhausdetektiv war ihr gefolgt. Er war nicht einmal sonderlich diskret gewesen. Er hatte sich in geringer Entfernung von ihr postiert und gestarrt. Um die anderen Kunden hatte er sich nicht gekümmert.

Sie war das gewohnt. So war es eben, in einem weißen
Land schwarz zu sein. Obwohl sie schon seit fast zwanzig
Jahren in diesem Land wohnte. Obwohl sie die Sprache beherrschte und obwohl sie nach ihrem Studium immer ihr eigenes Geld verdient hatte. Sie war allen erdenklichen Normen gemäß angepasst und verhielt sich genau so, wie es ihre neuen Landsleute wünschten und forderten. Sogar dieser Politiker, der aussah wie ein amerikanischer Fernsehprediger, konnte mit ihr zufrieden sein. Der, der immer davon sprach, wie wichtig es sei, dass auch die Einwanderer nach den norwegischen Werten lebten.

Sie war es gewohnt, aber sie würde sich nie daran gewöhnen. Deswegen eilte sie durch die Stadt. Es kam vor, dass sie erwog zurückzukehren. Aber zu was? In ihrem alten Heimatland würde sie sich wie eine Touristin vorkommen. Außerdem hatte sie Verpflichtungen, denen sie nicht einfach entfliehen konnte. Und Bindungen. Sie fuhr neuerdings sogar Ski. Als sie den Schlüssel in die Wohnungstür steckte, hatte sie sich wieder beruhigt. Das war ihr Zuhause. Sie trat über die Schwelle, bückte sich und hob die Post vom Boden auf. Zwei Umschläge mit Reklame. Eine Rechnung. Und ein Brief mit einer handgeschriebenen Adresse. Weiß, klein und mit einer
undeutlich abgestempelten Briefmarke.

Ihr Name und ihre Adresse mit blauer Tinte. Kein Absender.
Nur ihr Name und ihre Adresse.

 

Copyright © 2020 Thomas Kanger