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Sing wie ein Vogel
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Kapitel 5

John Rosén und Elina beschlossen, noch am selben Abend eine erste Besprechung einzuberufen. Beide wussten, dass sie die goldene Chance, den Mörder zu fassen, verpasst hatten. Die Zeit arbeitete gegen sie. Die ersten vierundzwanzig Stunden nach einem Mord waren die wichtigsten. Die Zeit, in der sich der Mörder auf der Flucht vor seiner Tat befand, physisch und psychisch, die Zeit, in der er häufig nicht klar denken konnte und deswegen am ehesten Fehler machte. Aber wahrscheinlich war seit dem Mord an Wiljam Åkesson bereits eine Woche vergangen; vielleicht war er am selben Tag geschehen, an dem er als Gemeinderat verabschiedet worden war. Sie hofften, einen genaueren Zeitpunkt zu erfahren, wenn sie mit Menschen aus Åkessons Umgebung gesprochen und der Gerichtsmediziner sein Gutachten abgeschlossen hätte.
Henrik Svalberg und Erik Enquist saßen schon in John Roséns Zimmer. Nach der Pressekonferenz hatte Oskar Kärnlund die beiden verständigt und sie waren sofort ins Polizeipräsidium geeilt. Elina Wiik hatte im Sommer vor einem Jahr mit beiden zusammengearbeitet. Svalberg, einige Jahre jünger als Elina mit ihren dreiunddreißig, war ihr Partner bei der Ermittlung im Mordfall Bertil Adolfsson gewesen, während Enquist mit der Brandstiftung im Bürgerhaus beschäftigt gewesen war, einer Ermittlung, an der sie zu Anfang auch mitgearbeitet hatte. Daraus hatte sich ihr erster Mordfall entwickelt, den sie gelöst hatte. In Svalbergs Gesellschaft fühlte sie sich wohl. Da er frei von Geltungssucht war und sich ihrer Führung unterordnete, waren sie hervorragend miteinander ausgekommen.
Enquist kannte sie nicht näher. Normalerweise arbeitete er bei der Kripo in Hallstahammar, aber Kärnlund holte ihn immer dann ins Team, wenn Spezialgruppen gebildet werden mussten, um schwierige Fälle zu lösen. Daraus ließ sich wohl ableiten, dass er ein überdurchschnittlich guter Polizist war. Bei den Ermittlungen im Fall der Brandstiftung war es zu einem starken Kon-flikt zwischen Elina und Egon Jönsson gekommen, dem Kriminalinspektor, der die Gruppe leitete. Enquist hatte sich zwar loyal gegen Jönsson verhalten, schien aber auch ihr gegenüber keine Vorbehalte zu haben. Jetzt hatte er sie freundlich begrüßt.
Alle vier waren sich darüber einig, wie die Arbeit jetzt vorangetrieben werden sollte. John Rosén und Elina würden Åkessons Haus aufs Genaueste durchsuchen. Elina würde mit den beiden Töchtern und der geschiedenen Ehefrau reden. Menschen aus Åkessons direkter Umgebung sollten vernommen werden. Man würde eine Befragungsaktion in der Nachbarschaft seines Hauses durchführen. Sein persönlicher Besitz musste gesichtet werden. Enquist würde damit anfangen, sich in Åkessons Freundeskreis umzuhören. Svalberg würde die Verantwortung für die Tür-zu-Tür-Befragung übernehmen. Anfangs würden sie nur von wenigen Kollegen unterstützt werden, so vielen, wie das Dezernat freistellen konnte. Dann würden sie sich gemeinsam mit seinen politischen Kontakten und früheren Kollegen befassen. John Rosén würde die gewonnenen Erkenntnisse zusammenfassen und weiterleiten.
Gegen zehn Uhr abends stand ihr Plan. John Rosén trommelte mit dem Stift auf seinen Schreibtisch. Niemand schien aufstehen und nach Hause gehen zu wollen. Alle dachten dasselbe.
»Was kann dahinter stecken?«, fragte Rosén. »Hat jemand eine Ahnung?«
»Schwer begreiflich«, murmelte Svalberg.
»Ich weiß es auch nicht«, sagte Enquist.
»Jemand rollt einen Gemeinderat in einen Teppich ein und jagt ihm eine Kugel in den Kopf«, sagte Rosén. »So was habe ich noch nie gehört.«
Einige Sekunden schwiegen sie.
»Es ist brutal«, bemerkte Elina, »unnötig brutal.«
»Wie meinst du das?«
»Man muss sich ja nur Åkessons Schreck vorstellen, bevor er erschossen wurde. Vielleicht hat der Mörder noch mit ihm geredet. Gesagt, dass er ihn erschießen werde, und ihm erklärt, warum. Das muss ein Gefühl gewesen sein wie lebendig begraben zu werden.«
»Also Hass«, konstatierte Enquist.
»Und Rache«, fügte Rosén hinzu.
»Aber wir wissen es nicht«, warf Svalberg ein. »Vielleicht wurde der Mörder bei einem gewöhnlichen Einbruch von Åkesson überrascht. Da hat er ihn mit vorgehaltener Waffe in einen Teppich gerollt, um das Haus nach Wertsachen durchsuchen zu können, und dann beschlossen, ihn zu erschießen.«
»Warum?«
»Vielleicht ist er verrückt. Oder er wollte einen Zeugen beseitigen.«
»Wenn das so wäre, müsste irgendetwas gestohlen worden sein. Wir müssen die Töchter bitten, seinen Besitz zu sichten, um festzustellen, ob etwas fehlt.«
»Wahrscheinlich ist es sinnvoller, erst dann Spekulationen anzustellen, wenn wir ein Stück weiter sind«, sagte John Rosén abschließend. »Ich schlage vor, wir hören jetzt auf und treffen uns morgen um acht.«
Elina war ohne Jacke zur Arbeit gegangen und bekam eine Gänsehaut, als sie in die Abendluft hinaustrat.
»Soll ich dich nach Hause fahren?«, fragte John Rosén.
»Danke, das ist nicht nötig. Ich wohne auf dem Lidmansvägen.«
»Wo ist das? Du vergisst, dass ich Göteborger bin.«
Elina zeigte schräg nach links.
»Nur ein paar Häuserblocks entfernt. Ungefähr mitten auf dem Oxbacken. Über den bist du schon viele Male gefahren. Ich habe eine Dreizimmerwohnung im dritten Stock.«
»Dann also bis morgen«, sagte John Rosén.
»Ich bin spätestens um halb acht da. Gute Nacht.«
Sie sah John Rosén nach, wie er auf den Parkplatz zuging. Sie mochte ihn, hatte ihn vom ersten Tag an gemocht, als er im vergangenen Sommer in Västerås beim Dezernat anfing. Seine lässige Erscheinung kombiniert mit dem Gebaren eines altmodischen Gentleman gefiel ihr. Trotzdem wurde sie nicht recht klug aus ihm. Er hatte etwas, das sie bei anderen Polizisten noch nie be-obachtet hatte. Eine gewisse Distanz zum Beruf, eine Art, ihn von außen zu betrachten, als wäre er nicht Teil der Gemeinschaft. Eine selbst gewählte Isola-tion, die sich nicht in Ungeschicklichkeit im Umgang mit anderen ausdrückte, sondern in einem Auftreten, das mit Worten schwer zu beschreiben war. Etwas, das sie sehr schätzte, von dem sie jedoch nicht wusste, worauf es gründete.
Irgendwie, dachte sie, macht es ihn unnahbar.

Als Erstes schaltete sie ihren Computer ein und öffnete ihre Mailbox. Den Computer und das Internet-Abo hatte sie sich im letzten Herbst angeschafft, weil immer mehr Kontakte mit Freunden und Verwandten über E-Mail liefen. Sie wollte nicht wie alle anderen ihre Arbeitszeit zum Schreiben und Lesen privater E-Mails benutzen. Schon aus dem Grund, weil jeder, der ein wenig von Computern verstand, sich in ihre private Post einklicken konnte.
Wie erwartet, hatte ihr Vater geschrieben. Früher hatte er sie häufig angerufen, aber nachdem Elina ihn davon überzeugen konnte, sich ebenfalls einen Computer und E-Mail anzuschaffen, mailte er lieber.
Außerdem fand sie einen Brief von Susanne Norman, ihrer besten Freundin. Und einen von Martin. Sie lächelte, als sie die Absender der ersten beiden Mails las. Der dritte versetzte ihr einen kleinen Stich in den Magen.
Ihr Vater Botwid schrieb über Åkessons Tod und dass er Elina im Fernsehen gesehen habe. Dann schilderte er in knappen Zügen, was bei einer Wahlkundgebung in Stockholm passiert war, an der er teilgenommen hatte, und was er getan hatte, als er nach Hause nach Märsta gekommen war.
Er schrieb ihr fast jeden Tag. Sie versuchte ihm jedes Mal sofort zu antworten, doch da er Rentner war, stand ihm all die Zeit zur Verfügung, die ihr fehlte. Ihre Zeit reichte häufig nur für einen kurzen Gruß. Diesmal schrieb sie ein wenig ausführlicher und erzählte ihm, dass sie auf den ausdrücklichen Wunsch John Roséns an der Ermittlung im Mordfall Åkesson beteiligt sei, und wie sehr sie sich über die Arbeit freue.
Susanne Normans Nachricht war kürzer. »Samstag Essen in der Stadt?« Elina antwortete mit Ja und fügte hinzu, dass sie Neuigkeiten habe, obwohl ihr klar war, dass Susanne schon alles wusste. In den regionalen und in den landesweiten Programmen war sie in jeder Nachrichtensendung aufgetaucht.
Martins Brief las sie zuletzt. Er bestand aus drei Wörtern. »Ich bitte dich.« Sie löschte den Brief sofort, ohne zu antworten. Zu Kreuze zu kriechen kam für sie nicht in Frage. Der Entschluss sich von ihm zu trennen, war ihr fast unerträglich gewesen, da sie ihn liebte. Oder geglaubt hatte, ihn zu lieben. Jetzt, ein halbes Jahr später, war sie sich nicht mehr so sicher. Die Erkenntnis, dass es keine gemeinsame Zukunft für sie gab, hatte zum Bruch geführt. Sie glaubte ganz einfach nicht mehr daran, dass er seine Frau verlassen würde. Seitdem hatte er versucht sie umzustimmen, ohne sich jedoch zu dem nötigen Schritt durchringen zu können.

 

Copyright © 2020 Thomas Kanger