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Sing wie ein Vogel
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Kapitel 4

Ragnar Sundstedt beschäftigte sich mit den Lautsprechern auf dem Podium. Er hatte nachgerechnet, dass es fünfzig Jahre her war, seit er das erste Mal an einer Wahlkundgebung seiner Partei teilgenommen hatte. Auch damals war es in Västerås gewesen, vor der Wahl zur Zweiten Kammer des schwedischen Reichstags.

Als er sich auf dem Sigmatorget umsah, stellte er fest, dass sich die Wahlplakate kaum von den damaligen Plakaten unterschieden. Damals wie heute verlangte seine Partei Vollbeschäftigung. Die einstige Forderung der Volkspartei, die »Steuern abzuschaffen, da sie die Wirtschaft lahm legten«, wurde jetzt in der Forderung wiederholt, die Grundsteuer abzuschaffen. Und schon vor fünfzig -Jahren hatten die Rechten ein Wahlplakat aufgehängt, auf dem die Steuerzahler zur Solidarität aufgerufen wurden. Selbst das Gerede über die Qualität der Nahrungsmittel und die landwirtschaftlichen Subventionen hatte vor einem halben Jahrhundert sein Pendant gehabt.
Ragnar Sundstedt liebte den Start des Wahlkampfes, er war wie der Beginn zu einer Reise, die so weit wie möglich führen sollte. Er trug einen Anzug und einen neuen Schlips. Die Sonne schien. Es waren zweiundzwanzig Grad und es war windstill. Auf den Bänken vor dem Podium begannen die Leute ihre Plätze einzunehmen.
»Was ist mit dir los, Ragnar?«, fragte Aurora Sund-stedt, die ganz vorn stand. »Du bist ja so unruhig. Bereitet dir irgendwas Sorgen?«
»Aber nein«, antwortete er seiner Frau. »Alles ist bestens. Hast du eigentlich Wiljam schon gesehen?«
»Nein, jetzt, wo du es sagst, fällt mir auf, dass er noch gar nicht da ist. Sonst ist er doch immer der Erste. Er wird sich doch nicht aus der Politik zurückziehen, nur weil er jetzt pensioniert ist?«
»Natürlich nicht. Deswegen wundere ich mich ja.«
»Vielleicht ist er dabei, seine Chinareise zu planen«, meinte Aurora Sundstedt lachend.
Ragnar Sundstedt sah sich um.
»Ich versteh das nicht«, sagte er.

Zwei Stunden später betrat Ragnar Sundstedt das Polizeipräsidium in Västerås. Nachdem er sein Anliegen vorgetragen hatte, wurde er zu Kriminalinspektorin Elina Wiik hinaufgeführt.
»Ich mache mir Sorgen«, sagte er, nachdem er sich vorgestellt hatte.
»Weswegen?«, fragte Elina. »Oder um wen?«
»Um Wiljam Åkesson. Er ist verschwunden.«
»Sprechen Sie von dem Politiker? Gemeinderat Åkesson? Er soll verschwunden sein?«
»Er hätte heute zu einer Wahlkampfveranstaltung kommen sollen. Er ist sonst immer dabei gewesen. Nach der Veranstaltung bin ich zu seinem Haus gefahren und habe geklingelt. Aber niemand hat geöffnet. Er wohnt zwar allein und kann für sich selber sorgen, doch wa-rum sollte er ausgerechnet zu Beginn des Wahlkampfes verreisen? Erst vor einer Woche ist er in Pension gegangen und von irgendwelchen Reiseplänen hat er mir nichts erzählt.«
Ragnar Sundstedt begegnete Elinas Blick. Sie runzelte die Stirn.
»Ich bin sein bester Freund«, fügte er hinzu.
»Wann haben Sie ihn zuletzt getroffen?«
»Bei seiner Verabschiedung im Rathaus. Seitdem hab ich nicht mehr mit ihm gesprochen. Ich hatte den Eindruck, er wollte eine Weile allein sein, und dachte, er würde von sich aus wieder Kontakt zu uns aufnehmen, wenn ihm danach wäre.«
»Hm. Vielleicht war sein Wunsch nach Alleinsein so stark, dass er keine Lust hatte, die Wahlveranstaltung zu besuchen?«
»Das ist sehr unwahrscheinlich.«
»War er krank oder deprimiert?«
»Keineswegs. Im Gegenteil, er war bester Laune, als ich ihn zuletzt traf. Er hat sich auf seine Pensionierung gefreut.«
Elina erhob sich.
»Dann fahren wir wohl besser zu seinem Haus. Wissen Sie, ob jemand einen Schlüssel hat?«
»Vielleicht seine Töchter.«
»Wir schauen erst mal nach. Haben Sie ein Auto?«

Sieben Minuten später parkte Ragnar Sundstedt seinen Volvo vor einem blauen Holzhaus auf dem Stora Ursulasväg in Blåsbo, einem Viertel für jene, die es sich leisten konnten, in gut erhaltenen, älteren Häusern mit großen Gärten zu wohnen. Elina ging zum Haus und klingelte. Nachdem sie eine Minute gewartet hatte, legte sie die Hände an die Stirn und spähte durch das Küchenfenster.
»Auf der Spüle steht eine Kaffeetasse«, stellte sie fest. »Ansonsten sieht es leer aus.«
Sie trat ein paar Schritte zurück und musterte die Fassade. Dann ging sie einmal ums Haus und stieß auf dem Schotterweg vor der Tür wieder auf Ragnar Sundstedt.
»Alles sieht normal aus, aber das Fenster zur Waschküche an der Rückseite ist nur angelehnt. Es wäre gut, wenn mir eine der Töchter die Erlaubnis geben würde einzusteigen.«
»Sie bekommen meine Erlaubnis. Wie gesagt, er ist mein bester Freund, und ich versichere Ihnen, es ist in Ordnung. Schließlich machen wir uns berechtigte Sorgen um ihn.«
Elina sah ihn an und dachte eine Weile nach.
»Nein. Wenn ich es richtig bedenke, ist es falsch, durchs Fenster zu steigen. Jemand anders könnte ja diesen Weg benutzt haben, um ins Haus oder wieder hinauszugelangen. Ich würde Spuren verwischen. Wir versuchen besser, eine der Töchter zu erreichen und einen Schlüssel zu bekommen.«
»Jemand anders?«, wiederholte Ragnar Sundstedt, vollendete den Satz jedoch nicht.
Eine Dreiviertelstunde später steckte Elina den Schlüssel ins Haustürschloss. Auf dem Schotterweg standen Ragnar Sundstedt und Annelie Björk, Wiljam Åkessons älteste Tochter. Sie wirkte sehr verkrampft. Elina öffnete vorsichtig die Tür und bat die beiden, draußen zu warten. Sie betrat die Diele. Links lag die Küche und ein Stück weiter rechts befand sich die Tür zum Wohnzimmer. Sie ging hinein. Mitten auf dem Fußboden lag ein Buch, die einzige Störung der sonst so musterhaften Ordnung. Sie trat näher, um den Titel zu entziffern.
Nachdem sie in der Waschküche, der Toilette und im Esszimmer im Erdgeschoss nachgeschaut hatte, stieg sie die Treppe zum ersten Stock hinauf. Wiljam Åkessons Schlafzimmer war aufgeräumt, das Bett unbenutzt. Gegenüber befand sich ein weiteres Zimmer, vielleicht ein Gästezimmer, da es keine persönlichen Gegenstände enthielt. Es sah ebenfalls unbenutzt aus. Vorsichtig öffnete sie die Tür zum Bad, das genauso ordentlich war wie die übrigen Räume.
Ganz hinten gab es noch ein Zimmer. Vom Flur aus sah Elina einen Schreibtisch und Bücherregale, in denen Ordner standen. Sie ging auf die Tür zu und schaute lange hinein. Sie versuchte sich jedes Detail einzuprägen. Dann drehte sie sich um, nahm ihr Handy aus der Tasche und wählte die Direktdurchwahl zum Diensthabenden im Präsidium.
Weder Ragnar Sundstedt noch Annelie Björk sagten etwas, als Elina wieder herauskam. Sie sah die beiden an.
»Sie müssen hier draußen warten«, sagte sie schließlich. »Es kommt gleich polizeiliche Verstärkung. Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass im Obergeschoss ein toter Mann liegt.«
Ragnar Sundstedt fuhr zusammen. Annelie Björk machte einen Schritt vorwärts. Keiner von ihnen sprach ein Wort, sie starrten Elina an.
»Ich weiß nicht, wer es ist. Es könnte Wiljam Åkesson sein, aber ich bin mir nicht sicher.«
»Warum nicht«, sagte Ragnar Sundstedt leise. »Sie müssen doch den Gemeinderat kennen, sein Gesicht kennt jeder in Västerås.«
»Das Gesicht ist nicht zu sehen. Ich möchte nichts anrühren, bevor unsere Leute von der Spurensicherung da sind. Es tut mir Leid, aber bis dahin müssen wir uns gedulden.«
Annelie Björk machte noch einen Schritt nach vorn.
»Was ist passiert?«, rief sie aus. »Warum ist er tot? Sagen Sie doch etwas!«
Elina legte Annelie die Hand auf den Arm. Der Schrecken stand der Frau ins Gesicht geschrieben, die plötzlich aussah wie ein kleines Kind. Elina dachte an ihren eigenen Vater.
»Es tut mir Leid«, sagte sie. »Auf dem Fußboden ist Blut, es handelt sich also nicht um … einen natürlichen Tod. Mehr wage ich im Augenblick nicht zu sagen. Lassen Sie uns warten, bald werden wir mehr wissen.«

Drei Stunden später saßen Elina Wiik, Oskar Kärnlund und John Rosén in Kärnlunds Chefzimmer im Dezernat des Präsidiums. Es war Mittwoch, der 14. August, kurz vor vier Uhr nachmittags.
»John wird die Ermittlung leiten«, sagte Kärnlund. »Du, Wiik, und John, ihr bildet ein Team. Und ich werde sofort ein paar Leute anfordern, die euch bei der Arbeit unterstützen.«
Er stand auf und begann im Zimmer herumzugehen.
»Ein ermordeter Gemeinderat«, murmelte er. »Herr im Himmel, fast ein lokaler Palme-Fall.«
Er hob den Kopf und sah John Rosén und Elina an.
»Die von der Spurensicherung haben natürlich einen Selbstmord ausgeschlossen«, verkündete er. »Erkki Määttä sagt, dass es vollkommen unmöglich ist, sich auf diese Weise umzubringen. Eine überflüssige Feststellung, so wie es aussieht, nicht wahr? Eingerollt in einen Teppich, die Arme am Körper und von oben in den Kopf geschossen. Wiljam Åkesson hatte viele Talente, aber ein Houdini war er nicht.«
»Was ist mit der Mordwaffe?«, fragte Elina. »Hat -Erkki irgendwelche Spuren gefunden? Eine Patronenhülse zum Beispiel?«
»Keine Hülse, ich habe vor fünf Minuten mit ihm gesprochen. Die Laborergebnisse werden zeigen, ob es Pulverspuren an Kopf, Teppich oder auf dem Fußboden gibt. Erkki glaubt, dass man Åkesson aus nächster Nähe umgebracht hat, da er mitten in den Kopf getroffen wurde. Das ist aber auch alles. Mehr Spuren haben wir nicht. Jedenfalls bis jetzt. Nicht einmal Fußspuren vor der Waschküche, falls der Mörder dort eingestiegen ist. Der Gerichtsmediziner vermutet, dass Åkesson seit ungefähr einer Woche tot ist, und letzte Woche hat es ziemlich heftig geregnet. Mögliche Spuren könnten also verschwunden sein.«
»Vielleicht hat Åkesson den Täter auch zur Haustür hereingelassen«, sagte Elina. »Oder der Mörder hatte einen Schlüssel, ist durch die Tür hereingekommen und hat wieder hinter sich abgeschlossen.«
»Wie hat er Åkesson dazu gekriegt, sich in den Teppich einzurollen?«, wollte John Rosén wissen. »Åkesson war ein kräftiger Mann. Natürlich wurde er mit einer Waffe bedroht, aber trotzdem. Vielleicht waren mehrere Personen daran beteiligt.«
»Entwickelt einen Arbeitsplan, ihr beiden. Mailt ihn mir und fangt sofort an. Sorgt dafür, dass ich über alles auf dem Laufenden gehalten werde. Um sechs findet eine Pressekonferenz statt.«
Kärnlund setzte sich auf seinen Stuhl und schaute schweigend aus dem Fenster. Elina Wiik und John Rosén wussten, dass dies das Zeichen für das Ende der Besprechung war. Draußen auf dem Korridor blieb Elina stehen und drehte sich zu John Rosén um.
»Ich verstehe, dass du die Leitung der Ermittlung bekommen hast. Du kannst das und hast große Erfahrung. Und auch wenn es offiziell ein Geheimnis ist, weiß ich doch, dass du aus Göteborg hierher geholt worden bist, weil das Dezernat Verstärkung durch tüchtige Leute brauchte. Aber warum soll ich dabei sein? Wieder dabei sein, meine ich. Eine frisch gebackene Inspektorin, die gerade erst mit einem Mordfall beauftragt war? Es gibt hier andere, die eigenhändig einen Mord begehen würden, entschuldige den unpassenden Vergleich, um diese Chance zu bekommen. Dass ich die Leiche gefunden habe, ist kein hinreichender Grund.«
John Rosén lächelte sie mit seinen blendend weißen Zähnen an und strich sich das gewellte graue Haar zurück.
»Fishing for compliments, Inspektor Wiik?«
»Ich möchte es nur wissen. Hat Kärnlund etwas zu dir gesagt?«
»Ich hab ihn gebeten, mit dir zusammenarbeiten zu dürfen«, sagte Rosén und ging weiter.
Elina sah ihm erstaunt nach und holte ihn ein.
»Aber warum, John?«
Er blieb stehen und sah sie mit der Andeutung eines Lächelns an.
»Nicht wegen deiner grünen Augen, glaub das bloß nicht. Es gibt zwei Gründe, wenn du es unbedingt wissen willst. Der eine ist ja ganz offensichtlich – weil du den Suramord auf ungewöhnlich einfallsreiche Art gelöst hast. Diese Fähigkeit ist hier sicher wieder vonnöten. Der andere Grund ist, dass du so bist wie ich. Ich halte viel von Instinkt, besonders wenn es sich um Menschen handelt.«
»Instinktiv habe ich im Augenblick das Bedürfnis mich zu bedanken!«
»Du wirst dafür arbeiten müssen, Kriminalinspektorin Wiik. Wollen wir anfangen? Als Erstes fahren wir zu dem Haus raus. Ich muss mir ein Bild von dem machen, was passiert ist, bevor die von der Spurensicherung alles auf den Kopf stellen.«

Das ganze Grundstück um das Haus herum war abgesperrt, als Elina und John Rosén dort ankamen. Außerhalb der Absperrung standen mehrere Fotografen und Kameraleute vom Fernsehen, zusammen mit einigen Personen, die Elina für Journalisten hielt. Sie wurde sofort von einem Mann im Reporterlook aufgehalten.
»Elina Wiik? Ich bin Jesper Pärsson vom Aftonbladet. Ich kenne Sie vom Suramord. Sind Sie jetzt auch wieder dabei?«
»Ich gehöre zum Dezernat«, erwiderte Elina unsicher. »Und ich schlage vor, dass Sie Ihre Fragen bei der Pressekonferenz heute Abend um sechs meinem Chef Oskar Kärnlund stellen.«
Mehrere Personen hatten sich um Elina versammelt. John Rosén stand daneben und sah amüsiert zu.
»Beantworten Sie bitte nur eine Frage«, bat Jesper Pärsson. »Stimmt es, dass der ehemalige Gemeinderat ermordet in seinem Haus aufgefunden wurde?«
»Wie gesagt, um sechs Uhr.«
»Haben Sie ihn gefunden?«
»Entschuldigen Sie, aber ich habe zu arbeiten«, sagte Elina lächelnd.
»Wir auch«, entgegnete Pärsson und rief einen Namen.
Ein Fotograf lief herbei und machte Bilder von Elina, während sie an der Absperrung vorbeiging.
»Alles wegen deiner grünen Augen«, bemerkte John Rosén schmunzelnd, als sie das Haus betraten.
Erkki Määttä kam ihnen in der Diele entgegen und zeigte zur Treppe. Wortlos führte er sie zu einem blutigen Teppich. Darauf lag Wiljam Åkesson auf dem Rücken, die Arme am Körper. Elina biss die Zähne zusammen, um den Geruch auszuhalten.
»Ich habe ihn nur aus dem Teppich gerollt, sonst nichts. Aber es wäre gut, wenn ihr ihn so schnell wie möglich in die Gerichtsmedizin schafft. Ich möchte den Teppich untersuchen, und das ist im Augenblick etwas schwierig, wie ihr seht.«
John Rosén setzte seine Brille auf und kniete sich hin.
»Außer dem Loch im Kopf scheint er keine weiteren Verletzungen zu haben«, stellte er fest.
»Wir müssen nach dem Austrittsloch der Kugel suchen, wenn wir ihn ausgezogen haben«, sagte Määttä. »Ich kann bisher auch keine weiteren Verletzungen entdecken. Demnach müsste die Kugel sich noch im Körper befinden.«
»Hast du was gefunden, Erkki?«
»Bis jetzt nichts von Bedeutung. Nach der Analyse wissen wir hoffentlich mehr. Es könnte ja auch Blut von einer anderen Person dabei sein.«
Er zeigte nach unten und beschrieb mit dem Zeigefinger einen Kreis.
»Ich bin noch lange nicht fertig«, fuhr er fort. »Wir müssen nach Fingerabdrücken suchen. Und Haaren. Außerdem müsste der Gerichtsmediziner sagen können, wann er erschossen wurde. Ich wage nicht, über den Zeitpunkt zu spekulieren.«
Schweigend gingen Elina und John Rosén im Haus herum. Elina versuchte alles aufzunehmen, was sie sah. Sie nahm an, dass Rosén es genauso machte.
»Den Fall werden wir wohl lösen, oder?«, sagte Elina.
»Sicher. Aber ich habe das Gefühl, dass es schwierig wird. Es scheint kein …«
»… Tatmotiv zu geben?«
Rosén nickte leicht.

Die Pressekonferenz im Polizeipräsidium war die bestbesuchte in der Geschichte der Kripo von Västerås. Über fünfzig Reporter und Fotografen drängten sich in einem Raum, der für zwanzig Personen vorgesehen war. Oskar Kärnlund seufzte, als er vor den blitzenden Kameras auf einem Stuhl Platz nahm.
»Sie wissen ja, wie das hier abläuft. Ich werde in groben Zügen berichten, was passiert ist, und wo es die Ermittlungen erfordern, auf die Geheimhaltung verweisen. Lassen Sie uns das Ganze nicht unnötig in die Länge ziehen. Seien Sie so freundlich und stellen Sie nur Fragen, die ich beantworten kann. Ich möchte so schnell wie möglich zu den Ermittlungen zurückkehren.«
Die Journalisten antworteten mit Schweigen. Im Raum gab es nicht eine einzige Person, die auf Fragen nach Details zu dem Mord verzichten wollte, da eine ausweichende Antwort auch eine Antwort war, die man zitieren und interpretieren konnte.
»Okay«, sagte Kärnlund. »Der ehemalige Gemeinderat Wiljam Åkesson wurde heute Mittag um ein Uhr tot aufgefunden. Er ist durch äußerliche Gewaltanwendung ums Leben gekommen. Alle anderen Möglichkeiten mussten wir ausschließen. Ich kann auch verraten, dass er erschossen wurde, möchte aber nicht näher da-rauf eingehen, wie oder mit welcher Waffe. Der Mord wurde vor ungefähr einer Woche verübt, so viel konnte der Gerichtsmediziner bereits sagen, obwohl es noch zu früh ist, den genauen Zeitpunkt zu bestimmen. Sobald wir ihn kennen, werden wir Sie es wissen lassen, denn wir erhoffen uns dadurch, Zeugenaussagen zu den Geschehnissen zu erhalten. Im Augenblick haben wir noch keinen Verdächtigen, wir befinden uns noch am Anfang der Ermittlungen. Mehr kann ich Ihnen momentan nicht sagen.«
Oskar Kärnlund wurde mit Fragen überschüttet, aber schließlich gelang es Jesper Pärsson, sich Gehör zu verschaffen.
»Wieso können Sie jede andere Todesursache ausschließen?«
»Wegen der Umstände«, antwortete Kärnlund. »Aber Sie kriegen keine Details aus mir heraus, egal, wie viele Fragen Sie stellen.«
»Mit wie vielen Schüssen ist er umgebracht worden?«, fuhr der Reporter vom Aftonbladet fort.
Oskar Kärnlund schaute eine Weile schweigend auf den Tisch.
»Mit einem«, sagte er schließlich.
»Wir bedanken uns für das Detail«, erklärte Jesper Pärsson. Dann hob er die Stimme, um das Wort nicht zu verlieren. »Gibt es etwas, das auf einen politischen Mord hindeutet?«
»Zu früh für eine Antwort«, sagte Kärnlund.
Nachdem er Fangfragen ausgewichen und belanglose, allgemein gültige Antworten auf die zahlreichen Fragen der übrigen Reporter gegeben hatte, machte Oskar Kärnlund Anstalten, die Pressekonferenz zu beenden. Er legte die Handflächen auf den Tisch, sein übliches Signal, dass er sich erheben und gehen wollte.
»Noch eine Frage«, bat Jesper Pärsson. »Ist die IT-Polizei mit im Ermittlungsteam? Elina Wiik, meine ich.«
Kärnlund schaute den Journalisten erstaunt an.
»Ja, das ist sie. Wieso?«
»Wollte ich nur wissen.«
»Herr im Himmel, die Arme. Sie ist ein Medienstar geworden«, murmelte Kärnlund vor sich hin, als er den Raum verließ.




 

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