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Sing wie ein Vogel
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Kapitel 3

Olli! Mach auf!«
Der Mann hämmerte gegen die Tür.
»Mach endlich auf, Mensch! Ich weiß, dass du da bist. Ich bin’s doch. Ich brauch was. Olli!«
Gegenüber wurde die Tür einen Spaltbreit geöffnet.
»Machen Sie bitte nicht so einen Krach«, bat eine Frau hinter der Sicherheitskette.
»Zieh deine Visage zurück, bevor ich sie dir einklemme, du blöde Kuh!«, zischte der Mann und hämmerte weiter.
Schnell schloss die Frau die Tür.
»Olli, du alter Säufer!«, brüllte der Mann. »Wie viele Male hab ich dich schon freigehalten? Sei ein Kumpel. Mach endlich auf!«
Nach einer Weile gab der Mann auf und torkelte die Treppen hinunter.
In der kleinen Wohnung war es ganz still. Das Fenster war geschlossen, und obwohl es keine Vorhänge gab, drang kaum Sonne herein. Das Radio war ausgeschaltet und die alte Stereoanlage war schon seit einem halben Jahr kaputt. Olavi Andersson saß mitten im Zimmer auf seinem einzigen Stuhl. Das Bett in der Ecke besaß er schon seit seiner Jugend. Es war ungemacht und das Bettzeug schmutzig. Die Couch hatte er von seiner Mutter bekommen. Ein Couchtisch, gebraucht für fünfzig Kronen erworben, war vollgemüllt mit Zeitungen, Bierdosen, Flaschen, leeren Gläsern, einem übervollen Aschenbecher und Abfall, der sich seit längerer Zeit angesammelt hatte. Auf dem Küchentisch, den ein früherer Bewohner hinterlassen hatte, stand ein Teller mit eingetrockneten Makkaroni und einer halben Scheibe Fleischwurst. Und noch mehr Gläser. Die Fensterbank war von Staub bedeckt. In der Spüle stapelten sich Teller, Töpfe und Gläser. Der Herd war mit Nudeln und Fett beschmiert. In einer Ecke auf dem Fußboden klebten noch die Reste von nachlässig aufgewischtem Erbrochenem.
Dir werde ich die Tür nie wieder öffnen, dachte er.
Olavi Andersson langte nach einer Schachtel Zigaretten auf dem Couchtisch und nahm die letzte heraus. Er stand auf und ging zum Fenster. Auf dem Hof spielten drei Kinder mit einem Ball. Er folgte dem Ball mit den Augen und führte die Zigarette in regelmäßigen Abständen zum Mund. Seine Hand zitterte.
Es fängt schon an, dachte er. Soll ich den leichten Weg wählen oder den schweren?
Er ging in die Küche und hob einen Kanister hoch, der auf dem Fußboden stand. Ohne Zögern kippte er den ganzen Inhalt in den Ausguss. Dann öffnete er den Kühlschrank und nahm eine Flasche Zider heraus. Er schraubte den Plastikverschluss ab und machte einen Schritt zur Seite, zurück zum Ausguss. Er zögerte einige Sekunden, dann goss er den ganzen Inhalt aus.
Vielleicht sterbe ich, dachte er. Aber das ist die einzige Möglichkeit.
Er kehrte ins Zimmer zurück, glättete das Bettzeug und legte sich darauf, ohne seine Schuhe auszuziehen. Zwei Stunden später kam der erste Schüttelfrost. Er legte Zeigefinger und Mittelfinger an seinen Hals und fühlte seinen Pulsschlag, während er den Sekundenzeiger der Armbanduhr im Auge behielt.
Schon hundertvierzig, dachte er, als er die Hand nach einer Minute wegnahm. Bei hundertachtzig sterbe ich.
Die Haut am Hals war empfindlich. Die Nervenbahnen schienen langsam nach außen gekrochen zu sein wie Würmer aus feuchter Erde. Er versuchte die Gedanken abzustellen und zu schlafen. Sein Körper wurde taub und er versank in einer Art Dämmerzustand. Als er wieder zu sich kam, war es draußen dunkel. In der Wohnung brannte kein Licht. Er hörte ein knarrendes Geräusch und drehte sich zur Wohnungstür. Der Briefschlitz stand offen, in der Öffnung steckte ein Messer und bewegte sich langsam wie ein schwingendes Pendel. Olavi Andersson atmete heftig. So leise wie möglich stand er auf und nahm den Besen aus der Kammer. Er schlich zur Tür und holte aus, um der Hand desjenigen, der einzudringen versuchte, das Messer wegzuschlagen. Aber als er zuschlug, war der Briefschlitz geschlossen.
Er beugte sich vor und öffnete das Sicherheitsschloss, riss die Tür auf und stürmte ins Treppenhaus, den Besen wie eine Waffe erhoben. Draußen war es dunkel und still. Er machte Licht und schaute sich um. Kein Mensch zu sehen. Er senkte den Blick. An seinem rechten Bein lief ein Rinnsal Urin auf den steinernen Fußboden. Als er wieder aufschaute, tanzten Feuerfliegen vor seinem Gesicht.
»Nein, nein«, stöhnte er und torkelte zurück in die Wohnung.
Er setzte sich aufs Bett, kreuzte die Arme über der Brust und schaukelte vor und zurück.
Ich bilde es mir ein, sagte er zu sich selbst. Es ist nur eine Einbildung. Halt dir die Gespenster vom Leib. Gib nicht nach. Es ist ein Film, in dem du nicht mitspielst, du stehst daneben und schaust zu.
Er knipste die Deckenbeleuchtung an und tastete seinen Hals ab. Hundertfünfundsiebzig. Plötzlich zogen sich seine Bauchmuskeln zusammen und er fiel vornüber. Langsam kroch er vorwärts. Das Geräusch von Stoff, der über den Boden rutscht, wurde immer lauter. Mit einer letzten Kraftanstrengung führte er die Hände zum Kopf und presste sie fest gegen die Ohren.
Er hatte das Gefühl, als würde er in Ohnmacht fallen.
Es ist der Schweiß. Olavi, der Schweiß. Es ist, wie es sein soll. Es ist, wie es sein soll. Ganz normal.
Schwerelos sank er hinab. Auf dem Grund des Ozeans sah er einen kleinen Punkt, der immer größer wurde. Wie hypnotisiert starrte er darauf, und schließlich erkannte er, was es war. Eine Dampfwalze rollte mit einem dumpfen Geräusch auf ihn zu. Er versuchte zu laufen, doch das Wasser hinderte ihn daran und verlangsamte alle Bewegungen wie in Zeitlupe. Unaufhaltsam näherte sich die Dampfwalze. In dem Augenblick, als sie ihn zu überrollen drohte, musste er sich übergeben. Der Mageninhalt verbreitete sich im Wasser und bildete eine undurchsichtige Masse. Er versuchte zu schreien, brachte jedoch keinen Laut heraus.
Drei Tage später kam er wieder zu Bewusstsein. Er richtete sich im Bett auf und versuchte sein Hemd auszuziehen, aber es klebte an seiner Haut. Er stand auf, fiel jedoch sofort wieder zurück. Kriechend bewegte er sich in die Küche, richtete sich mit zitternden Beinen auf und hielt den Mund an den Wasserhahn über der Spüle. Dann sank er auf die Knie und legte die Finger an seinen Hals. Es fühlte sich an wie hundertvierzig.
Ich lebe, dachte er.




 

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