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Sing wie ein Vogel
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Kapitel 2

Elina Wiik erwachte mit einem Ruck in dem breiten Bett in ihrer Wohnung auf dem Oxbacken.
Auf diesen Tag hatte sie sich gefreut. Aber sofort breitete sich wie eine Schockwelle das Gefühl von Einsamkeit in ihr aus. Wahrscheinlich hatte sie schlecht geträumt. Sie richtete sich auf, um das Gefühl rasch loszuwerden.
Sonnenlicht tröpfelte herein. Es würde ein schöner Spätsommertag werden.
Plötzlich war aller Missmut verschwunden.
Ich muss den Posten bekommen, dachte sie. Selbstverständlich bekomme ich ihn. Die wissen doch, was zu ihrem Besten ist. Alles andere wäre unangemessen.
Sie richtete sich auf und betrachtete sich im Spiegel, der die ganze Wand bedeckte. Sie hatte ihn vor zehn Jahren, als sie die Wohnung bezog, und eine Woche, bevor sie als Assistentin bei der Polizei anfing, in ihrem jugendlichen Übermut aufgehängt.
Ich werde ihn abnehmen, dachte sie, bevor ich einen Grund dafür habe.
Eine Stunde und zweiundzwanzig Minuten später betrat sie das graue Betongebäude neben dem Stadttheater auf der Västgötegatan, eine andere Spielbühne für menschliche Schicksale in Västerås. Es war achtunddreißig Minuten vor dem regulären Dienstbeginn, und Elina fragte sich, warum sie sich aus freien Stücken quälte. Die Mitteilung würde erst um acht Uhr erfolgen. Sie würde von Oskar Kärnlund, ihrem Chef, bei der Morgensitzung gemacht werden.
Langsam stieg sie die Treppe hinauf, zog die Erkennungskarte durch den Leser, öffnete die Tür und betrat ihren Korridor. Die vierte Tür rechts führte in ihr Büro. Auf einem Schild stand Krim. Ass. Elina Wiik.
Noch, Elina, noch, dachte sie.
Sie setzte sich und schaltete den Computer ein. Drei neue E-Mails. Sie öffnete keine von ihnen.
Elina drehte sich auf dem Bürostuhl um und nahm ein Kuvert aus einem Schrank hinter sich. Sie zog einen Zeitungsausschnitt mit der Überschrift »IT-Polizei: So löste sie den Suramord« heraus. Auf dem Ausschnitt zeichneten sich Fingerabdrücke in der Druckerschwärze ab, und das Papier war lappig geworden, obwohl es noch nicht einmal ein Jahr alt war. Das Bild von ihrem lächelnden Gesicht reichte über vier Spalten. Ihre grün gesprenkelten Augen, der breite Mund und die dunklen, kurz geschnittenen Haare bildeten eine wunderbare Einheit.
Ein gutes Bild, dachte sie. Auf dem sehe ich besser aus als in Wirklichkeit.
Sie hatte den Text schon unzählige Male gelesen und tat es jetzt noch einmal. In der Einleitung stand, dass, soweit bekannt war, zum ersten Mal in Schweden ein Polizist einen Mord mit Hilfe von E-Mails gelöst hatte.
Elina legte den Ausschnitt beiseite und lehnte sich auf dem Stuhl zurück. Wie verwirrend sie gewesen war, ihre allererste Mordermittlung. Man hätte ihr, unerfahren wie sie war, nie die Verantwortung dafür übertragen, wenn das Ganze nicht mit einem trivialen Verschwinden begonnen hätte.
Hoffentlich setzt man mich bald wieder ein, dachte sie. Falls überhaupt ein neuer Mord geschieht, korrigierte sie sich, fast so, als ob jemand ihre Gedanken hören konnte.
Sie wusste, dass die Chance gering war. In Västmanland passierten kaum mehr als drei, vier Morde im Jahr. Und bei der Mehrzahl handelte es sich um Morde, die im Suff begangen wurden: Jemand erschlug oder erstach einen Bekannten bei etwas, das die Zeitungen »Alkoholgelage« nannten. Fälle, die umgehend gelöst wurden. Der Täter konnte sich in der Regel kaum noch an das Geschehen erinnern, die Indizien waren meistens eindeutig. Es kam sogar vor, dass man den Täter mit der Mordwaffe in der Hand schnappte, an der noch die Blutspuren von Opfer und Mörder klebten.
Außerdem war sie kaum an der Reihe für etwas so Interessantes wie die Ermittlung in einem Mordfall. Die Schlange der Kollegen war lang. Die meisten von ihnen waren Kriminalinspektoren und sie war ja bisher immer noch Assistentin.
Noch, dachte sie.
Drei Minuten vor acht. Sie erhob sich und ging in den Korridor.
»Na, dann viel Glück«, hörte sie eine Stimme hinter sich, kurz bevor sie den Konferenzraum erreichte.
»Danke, John«, antwortete sie mit einer raschen Drehung des Kopfes.
Pünktlich auf die Minute um acht Uhr eröffnete Oskar Kärnlund die Besprechung.
»Bevor wir mit der Arbeit beginnen, haben wir einige Punkte zu besprechen«, sagte er. »Ich möchte mit einer Ankündigung beginnen.«
Er nahm ein Blatt Papier aus einer Mappe, setzte sich die Lesebrille auf und schaute nach unten. Elina hielt den Atem an.
»Das Präsidium der Reichspolizei hat Polizeiassistentin Elina Wiik zur Inspektorin der Kriminalabteilung im Västeråsdezernat von Västmanland ernannt.«
Er erhob sich, ging zu Elina, die ihrer Gewohnheit gemäß am anderen Ende des Tisches saß, und reichte ihr die Hand.
»Ich gratuliere.«
Elina atmete aus, als sie Kärnlunds Hand ergriff.
»Danke«, sagte sie matt.
»Alle anderen, die einen Antrag gestellt haben, bekommen beim nächsten Mal eine Chance«, sagte Kärnlund und wandte sich den Anwesenden am Tisch zu, von denen zwei ihr Bestes taten, um ihre Enttäuschung zu verbergen.

Elina erinnerte sich nicht mehr, was danach besprochen wurde. In ihrem Dienstraum lag ein ganzer Stapel von Ermittlungsberichten und verlangte Aufmerksamkeit. Aber ihr war klar, dass es ihr nicht gelingen würde, sich darauf zu konzentrieren, jedenfalls nicht an diesem Vormittag. Einige ihrer Kollegen hatten schon den Kopf zur Tür hereingesteckt und ihr gratuliert. Auf dem Tisch stand ein Blumenstrauß mit einer Karte darin. Sie fingerte an der Karte herum, ohne recht wahrzunehmen, was darauf stand.
Ich mache einen Spaziergang durch den Vasapark, dachte sie. Und trinke eine Tasse Kaffee in der Stadt.
Das Laub war dunkler geworden, aber es würde noch einige Wochen dauern, bevor es sich gelb färbte. Obwohl der Vasapark mit seinen großen alten Eichen und Kastanien so stattlich und außerdem die einzige grüne Oase der Stadt war, schien er als Ort der Erholung auffallend wenig beliebt zu sein. Die Bewohner von Västerås benutzten ihn meistens als Abkürzung zum und vom Bahnhof. Die, die gern im grünen Gras saßen, um frische Luft zu tanken und vielleicht einen mitgebrachten Imbiss einzunehmen oder über die Mysterien des Lebens nachzugrübeln, gingen lieber zum Djäkneberg. Aber es gab Ausnahmen.
»Hallo, Baby!«, rief ein Mann, der auf einer Bank unter der Büste von Gustav Vasa saß.
Elina drehte sich um und sah drei Männer in verschlissener Kleidung und mit strähnigen Haaren zu ihr herüberschauen. Auf dem Boden vor ihnen stand eine Tüte mit einer Plastikflasche und mehreren Dosen.
»Komm, setz dich zu uns, wenn du ein bisschen Spaß haben willst«, sagte der Mann, der in der Mitte der Bank saß.
Er sah wie mindestens fünfzig aus und schien damit der Jüngste in der Runde zu sein.
Elina lächelte sie strahlend an.
»Gern! Eine solche Einladung kriegt man nicht alle Tage. Aber vielleicht sollte ich der Ehrlichkeit halber verraten, dass das Baby Polizistin ist.«
Der Mann schnaubte und lehnte sich zurück.
»Ich hab aber auch immer Glück«, sagte er und nahm einen Schluck Bier.
Elina lachte und ging weiter. Der Mann, der sie angesprochen hatte, begann sich mit seinem linken Banknachbarn zu unterhalten. Sie hatten bereits das Interesse an ihr verloren.
Der andere Mann an der Seite des Aufdringlichen saß schweigend da. Er kratzte sich langsam an der Wade und folgte Elina mit dem Blick, bis sie am Ende des Parks unter dem Gewölbe des Rathauses verschwand.






 

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