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Der werfe den ersten Stein
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Kapitel 2

Im selben Moment schlug Elina Wiik die Augen auf. Während ihr Körper erwachte, lag sie ganz still, streckte sich wie eine Katze und drehte sich zum Wecker um. Fünf Minuten bevor er klingeln sollte. Dann hörte sie sich laut zu sich selber sagen:
»Woher weiß mein Unterbewusstsein immer, wann ich geweckt werden muss?«
Augenblicklich überflutete sie die Erinnerung an den vergangenen Abend. Sie empfand eine Mischung aus Freude und Selbstverachtung. Er hatte gegen acht angerufen, gesagt, er sei gerade in Höhe von Örebro und könne um neun da sein. Nur wenn sie es wolle natürlich. Sie wollte es und sagte es ohne Umschweife. Er konnte höchstens zwei Stunden bleiben. Länger konnte er nicht so tun, als hätte er sich verspätet. Sie war sofort in die Küche gegangen und hatte ein einfaches Essen vorbereitet aus den Zutaten, die sie vorrätig hatte. Er kam schneller als erwartet. Ein Kuss, eine leise Unterhaltung bei Tisch, jeder ein Glas Wein, nicht mehr, er musste ja noch fahren und sie musste am nächsten Morgen früh aufstehen. Eine halbe Stunde später lagen sie im Bett.
Das erste Mal seit fünf Wochen. Sie überlegte, warum sie immer auf alles einging, was er verlangte, ständig akzeptierte sie seine Bedingungen. Warum sollte sie für einen verheirateten Mann da sein, der sechzehn Jahre älter war als sie? Liebe, klar, so war es wohl. Aber sie wusste, dass es andere, undurchsichtigere Gründe gab. Gründe, die mit den eineinhalb Stunden zusammenhingen, in denen sie sich nach der kurzen Mahlzeit einander widmeten, und gegen deren innersten Antrieb sie sich wehrte.
Eines Tages, dachte sie, werde ich mich selber analysieren, ein Puzzle aus den Teilen meiner Seele legen, genau wie ich es mit den Angaben einer Ermittlung mache. Erst wenn ich verstehe, warum ich mich so verhalte, kann ich vernünftige Entscheidungen treffen. Aber nicht jetzt und auch vorläufig noch nicht.
Damit war ihre stumme Diskussion mit sich selbst
für diesmal beendet. Sie seufzte, erhob sich und ging duschen. Sie hatte eine Stunde und zwanzig Minuten Zeit für das, was eine allein stehende Frau von zweiunddreißig Jahren jeden Morgen vor der Arbeit zu erledigen hat. Die Morgenkonferenz war für acht Uhr angesetzt, aber Elina fing lieber schon um sieben an, der früheste Zeitpunkt, den die Gleitzeit erlaubte.
Das Licht verwandelte die Mauseöhrchen an den
Birken vorm Fenster zu Schattenspielen auf den wei-
ßen Badezimmerwänden. An Maimorgen wie diesem wünschte sie, ihre Wohnung wäre etwas weiter vom
Präsidium entfernt. Ihre Zweizimmerwohnung am Ox-
backen lag so nah am Arbeitsplatz, dass man nicht
einmal ins Schwitzen geraten würde, wenn man den ganzen Weg liefe. Bergab, die zweite Querstraße nach rechts, einen Häuserblock weiter. Umwege zu machen, was natürlich eine Alternative gewesen wäre, kam ihr irgendwie ziellos vor, und das passte nicht zu ihrem Naturell.

Das Präsidium in Västerås nahm einen halben Häuserblock zwischen Källgatan und Svartån ein. Es lag im
zentralen Teil der Stadt, wo es immer noch einige ältere, schöne Gebäude gab, gerettet durch eine seltene Gnade, als die Abrissraserei der sechziger Jahre wie eine Windhose über das Land gefegt war. Das Präsidium jedoch war geprägt vom typischen Schnitt dieser Zeit und spiegelte die Einstellung jener Jahre zur Rolle der Herren in der Gesellschaft; grau wie ein Bürokrat und viereckig wie die Vorschriftenhörigkeit der Verwaltungsbeamten. Die Mauern des Gebäudes strahlten Uneinnehmbarkeit und Distanz aus, seine kleinen Fenster waren die Augen des Überwachers der Allgemeinheit.
Daran dachte Elina Wiik mit keinem Gedanken, als sie das Gebäude durch den Haupteingang betrat. Sie dachte auch nicht über die innere Geschlossenheit des Hauses nach. Routiniert öffnete sie mit Hilfe ihres Dienstausweises die Tür, um in das Innere des Hauses zu gelangen.
Ihr Zimmer lag im ersten Stock. Auf dem Weg dorthin begegnete sie dem einzigen Kollegen, der genauso früh seinen Dienst antrat wie sie.
»Guten Morgen«, sagte Kjell Stensson und lächelte.
»Hallo«, antwortete Elina Wiik und lächelte zurück, ohne jede Anstrengung, denn sie schätzte Stensson als Polizisten und auch als Menschen. Außerdem empfand sie Dankbarkeit für ihn. Er hatte ihr zu Anfang so manches Mal beigestanden und sich des Öfteren Zeit genommen, ihr zuzuhören, wenn sie nicht weiterwusste, obwohl er beim Rauschgiftdezernat und sie bei der Kripo war. Seine Ratschläge waren gut, manche passten nicht zu ihrem Arbeitsstil. Während Elina Wiik es vorzog, sich langsam voranzuarbeiten, weil das Analysieren in ihrer Natur lag, war Stensson ein Mann der Tat.
Viele Kollegen hielten ihn für eigenwillig und fanden, dass er häufig außerhalb der Regeln agierte. Er war ein Freund dessen, was man in der Sprache der Polizei proaktive Tätigkeit nannte. Das hieß eingreifen, bevor ein erwartetes Verbrechen begangen wurde, in der Hoffnung, es vereiteln zu können.
Was Stensson anging, bedeutete dies regelmäßige Besuche, die man kaum Höflichkeitsbesuche nennen konnte, bei einer ausgewählten Gruppe von Menschen. Individuen, von denen er zu wissen meinte oder annahm, dass sie sich mit Rauschgifthandel beschäftigten, obwohl es keine konkreten Hinweise gab. Sie sollten sich nicht in Sicherheit wiegen und sich ständig bewusst sein, dass Stensson ein Auge auf sie hatte.
Im Lauf der Jahre hatte es viele Klagen wegen Schikanen gegeben, und er war häufig kritisiert worden, auch innerhalb des Polizeikorps, weil sein Verhalten undemokratisch war. Kritik pflegte er mit einer Gegenfrage zu begegnen: »Und ist es vielleicht demokratisch, mit anzusehen, wie diese Armleuchter in aller Ruhe die Vergiftung unserer Jugend planen?« An dieser Stelle endete jede vernünftige Diskussion, weiter kamen sie nie.
Mehrere Male hatte der Kriminaldirektor Stensson bremsen müssen. Aber niemand konnte seine Effektivität leugnen und nur wenige wussten, dass er im Lauf der Jahre zusammen mit seiner unendlich geduldigen Frau Pflegeeltern für eine ansehnliche Zahl von verirrten Jugendlichen gewesen war, Jungen und Mädchen, die er erst als Polizist niedergeschlagen und denen er dann viel Zeit gewidmet hatte, um sie wieder aufzurichten und sie auf den richtigen Weg zu bringen.
»Komm mal einen Augenblick zu mir, wenn du Zeit hast«, sagte er. »Ich muss was mit dir besprechen.«
»Klar«, antwortete sie und folgte ihm in sein Zimmer. Es war ein wenig größer als die anderen Dienstzimmer auf dem Flur, da Kjell Stensson der Chef des Rauschgiftdezernats war.
»Wie geht’s dir und wie kommst du mit deinen derzeitigen Aufgaben zurecht?«, fragte er.
»Danke, gut, ich bin sehr zufrieden – aber hör mal, wenigstens du solltest wissen, dass man bei einem Verhör nicht zwei Fragen gleichzeitig stellt«, sagte sie lachend. »Da riskiert man, dass man nur auf eine von beiden eine Antwort bekommt. Auf die unverfänglichere.«
»Dies ist ja kein Verhör. Vielleicht sollte ich nicht mit dir darüber reden, vielen in diesem Haus gefällt es nicht, wenn man aktive Werbung in anderen Korridoren betreibt. Aber im Dezernat wird es eine vakante Stelle geben und darüber solltest du mal nachdenken.«
»Du möchtest also, dass ich für dich arbeite?«
»Das hab ich nicht gesagt. Könnte sein, dass ich Doppelfragen stelle, aber du schließt zu schnell Schlüsse
daraus und das ist viel schlimmer für einen Polizisten. Vielleicht wollte ich dich ja nur bitten, mir jemanden zu empfehlen.«
Er grinste.
»Eins zu eins«, sagte Elina.
»Aber du hast Recht. Ich möchte, dass du dich um den Posten bewirbst.«
Elina Wiik schwieg eine Weile. Sie wusste, dass Stensson sie für eine gute Polizistin hielt, dennoch war sie überrascht. Sie überlegte, ob sie Witze über Ablösesummen machen sollte, ließ es dann aber.
»Rauschgift ist nicht gerade mein Ding«, sagte sie stattdessen.
Kjell Stensson fiel ihr ins Wort.
»Rauschgift ist niemandes Ding. Oder sollte es nicht sein. Aber in unserem Bezirk gibt es mehr weibliche Süchtige als früher. Bei jeder Ermittlung stoße ich auf sie. Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass Mädchen so viel rauchen. Wusstest du das? Nikotin ist die Einstiegsdroge zum Rauschgiftmissbrauch. Wer keinen Tabak raucht, fängt nie mit Hasch an. Und das ist wahrhaftig kein so harmloses Rauschgift, wie Journalisten und Politiker behaupten.«
Er verlor sich in einer Art Selbstgespräch.
»Als ob das eine Art Cola light wäre«, brummte er. Dann wandte er sich wieder an Elina Wiik und machte einen neuen Anlauf.
»Ich hab heimlich gelesen. Deine Verhöre in Fällen von Misshandlung. Du bringst die Frauen zum Reden. Obwohl man merkt, wie ängstlich und unwillig sie anfangs sind. So was brauchen wir speziell hier. Viele der Mädchen, die bei uns landen, machen sich vor Angst fast in die Hose. Vor uns und ihren Drogenkumpels da drau-
ßen, die ihnen den Stoff besorgen und sich in Naturalien bezahlen lassen. Im Augenblick hab ich nur männliche Polizisten im Dezernat. Alles prima Jungs, na ja, fast alle, aber die wissen nicht, wie sie sich einem siebzehnjährigen Mädchen gegenüber verhalten sollen, um sie zum Reden zu bringen. Die Verhöre fangen häufig damit an, dass die Mädchen schreiend behaupten, der Polizist habe sich an ihnen vergriffen, und enden damit, dass sie nach ihrer Mama heulen.«
»Kann ich noch mal darüber nachdenken? Auf jeden Fall freue ich mich über das Angebot.«
»Denk drüber nach«, sagte Stensson. »Aber nicht zu lange.«
Sie erhob sich und ging hinaus auf den Flur. Mit ihrem Ausweis öffnete sie eine weitere Tür, um auf ihren Korridor zu gelangen. Er war leer und bisher schien noch niemand gekommen zu sein. »Kriminalassistentin Elina Wiik«, stand an der vierten Tür von links.
Yes, sometimes you’re such an ass, dachte sie zum hundertsten Mal, als sie sich auf ihren Bürostuhl setzte.
Das Zimmer war klein und schmal, ein Regal voller Aktenordner bedeckte die hintere Wand, der Schreibtisch wurde vom Computer beherrscht. Keine Fotos auf dem ansonsten aufgeräumten Tisch, dagegen mehrere Topfpflanzen auf der Fensterbank. Die Vorhänge waren hellgrün gemustert. An der Wand vorm Schreibtisch hingen gerahmte Bilder in gesättigten Farben, Bilder, die sie auf ihren Auslandsreisen im Urlaub gekauft hatte.
Sie dachte an Kjell Stenssons Vorschlag. Arbeit im Rauschgiftdezernat bedeutete lange und viele Nächte in zivilen Polizeiwagen, um den Besuchsverkehr in Wohnungen zu registrieren, in denen Verdächtigte lebten. Wenn genügend Besucher identifiziert wurden, musste man zuschlagen – in der Hoffnung, einen größeren Fang zu machen. Und hinterher Verhöre von einer Klientel, der man häufig jede Silbe aus der Nase ziehen musste, die jungen schreienden Mädchen natürlich ausgenommen, wenn man Stensson glauben konnte.
Viel zu wenig Arbeit mit dem Kopf und viel zu viel mit dem Sitzfleisch, dachte sie. Das war nicht ihr angestrebtes Ziel. Sie wollte Fälle, bei denen die überwiegende Arbeitszeit dafür genutzt wurde, das Verbrechen aufzuklären, nicht um konstatieren zu müssen, wie weit sie schon begangen waren.
Sie hatte allerdings das Gefühl, der Weg bis zu diesem Ziel sei noch weit. Sie wollte komplizierte, schwere Verbrechen. Nach vier Jahren bei der Kripo hatte sie bisher nicht eine einzige wirklich große Aufgabe gehabt, in die sie sich vertiefen konnte. Neben dem begrenzten Teil von Auto- und Wohnungseinbrüchen, also solchen Fällen, die fast immer am Boden der großen »Pyramide« landeten und irgendwann mangels Beweisen und Interesses abgeschrieben wurden, musste sie sich um die meisten angezeigten Fälle von Frauenmisshandlung in der Stadt kümmern.
Es bereitete ihr jedes Mal erneut Schwierigkeiten, einer geschlagenen Frau gegenüberzutreten. Noch schlimmer fand sie die Begegnung mit Kindern, die Opfer von Verbrechen geworden waren. Aber mit wachsender Erfahrung wurde sie immer geschickter, eine Anklage gegen die Täter zu erreichen. Obwohl sie die Bilder von den blau geschlagenen Frauen lange verfolgten, empfand sie ihre Arbeit als sinnvoll. Das war eine entschieden größere Herausforderung, als den größten Teil der Zeit in einem Fahndungsauto herumzusitzen.
Wenn sie anbiss und sich um eine Stelle im Rauschgiftdezernat bewarb, würde der Weg bis zu der Art Verbrechen, die sie am liebsten aufklären wollte, noch länger werden. Da war es schon besser, die Zeit im Kriminaldezernat abzusitzen.
Du bist eine richtige kleine Karrieristin, dachte sie lächelnd.
Sie war schon acht Jahre bei der Polizei in Västerås. Nach Abschluss der Polizeihochschule zunächst als Anwärterin, dann als frisch gebackene Polizistin. Vier Jahre lang hatte sie sich danach die Schuhsohlen auf den Straßen der Stadt abgelaufen, ehe es ihr mit Glück und Geschick gelang, ihr erstes Ziel zu erreichen und Ermittlerin zu werden.
Ein Fall von Frauenmisshandlung hievte sie nach oben. An einem Novemberabend 1997 wollte Elina Wiik gerade ihre Patrouille beenden, als eine schwer misshandelte Frau mit dem Krankenwagen im Zentralkrankenhaus eingeliefert wurde. Die Krankenschwester in der Notaufnahme hatte sofort Alarm geschlagen, und als der Dienst habende Beamte des Reviers sah, dass die Nachtschicht nur aus Männern bestand, forderte er Elina Wiik auf, den Streifenwagen ins Krankenhaus zu begleiten.
Die Frau hatte mit niemandem sprechen wollen, Elina jedoch gebeten zu bleiben. Elina hatte vierzehn Stunden lang an ihrem Bett gesessen, war ein wenig eingedöst, wenn die Frau schlief, und hatte sich meistens still abwartend verhalten, wenn die Frau wach war oder von einem Arzt behandelt wurde.
Allmählich war ein vorsichtiges Gespräch in Gang gekommen. Langsam hatte die Frau von ihren fast unaussprechlichen Erlebnissen erzählt. Es war keine Überraschung für Elina, dass ein früherer Ehemann sie misshandelt hatte. Sie war an den darauf folgenden Ermittlungen beteiligt gewesen und hatte eine entscheidende Rolle dabei gespielt, dass die Frau es wagte, vor Gericht als Zeugin auszusagen. Der Mann wurde zu vier Jahren Gefängnis verurteilt.
Die Chefs waren beeindruckt gewesen von der Hartnäckigkeit der jungen Polizistin in einem Fall, der eigentlich nicht ihrer war. Nach dem Erfolg wurde ihr eine Stelle im Kriminaldezernat angeboten.
Das Erlebnis hatte Elina Wiik davon überzeugt, dass kleine Ermittlungsschritte schneller zum Ziel führen konnten als große. Geduld und Systematik waren ihre Mittel.
Ich wäre wahrscheinlich gut in Ermittlungen von Mordfällen, dachte sie. Wenn ich nur eine Chance bekäme.
Ganz zuoberst in dem Dokumentenkorb auf ihrem Schreibtisch lag eine Plastikhülle mit Verhörabschriften. Sie nahm sie heraus und begann ohne großen Enthusiasmus zu lesen. Es ging um einen einfachen Betrugsfall: Eine arbeitslose Frau hatte versucht, mehr Geld bei der Post abzuheben, als ihr zustand, indem sie eine Zwei vor die Summe von 1227 Kronen gesetzt hatte. Das Elend wurde nur noch dadurch verstärkt, dass die Frau sich nicht getraut hatte, mehr als eine Zwei hinzuschreiben.
Innerhalb weniger Tage musste Elina Wiik ihre Ermittlungsergebnisse beim Bezirksstaatsanwalt abliefern, der die gescheiterte Postbetrügerin routiniert ohne großen Aufwand verurteilen würde. Einen Tag nach dem Urteil würde er die Frau vollkommen vergessen haben. Vermutlich würde er nicht mal unter Folter ihren Namen nennen können.
Um zwanzig vor acht hörte sie Schritte auf dem Korridor und schaute hoch. Der erste Kollege vom Kriminaldezernat war auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz.

Sie sah gerade noch Egon Jönssons Rücken an ihrer Tür vorbeihuschen. Offenbar hatte Jönsson wahrgenommen, dass Elina Wiik den Kopf hob, denn er machte noch einmal einen Schritt zurück und grüßte sie. Elina erwiderte den Gruß. Keiner von beiden lächelte.
Die Kollegen hielten Jönsson, der dreiundvierzig Jahre alt war und schon seit mehr als zehn Jahren im Dezernat arbeitete, für Mittelmaß. Das bedeutete eigentlich nichts weiter, als dass er weder besser noch schlechter als die Ermittler im Allgemeinen war. Die Kollegen sahen das jedoch nicht ganz so. Mittelmaß zu sein war gleichbedeutend mit schlechter als sie, da sich alle für besser als den Durchschnitt hielten.
Elina Wiik hatte beschlossen, keine Meinung von Jönssons Fähigkeiten zu haben, bevor sie nicht gemeinsam an einem Fall gearbeitet hatten. Was bisher noch nicht geschehen war. Ihr Eindruck war allerdings, dass er genauso war, wie gesagt wurde: Mittelmaß.
Zwei Minuten später steckte ihr Chef, Oskar Kärnlund, ein großer Mann, der bald pensioniert werden würde, seinen fast kahlen Schädel durch die geöffnete Tür.
»Guten Morgen, Wiik. Geht’s gut?«, fragte er und ging weiter, ohne die Antwort abzuwarten.
Das wird vermutlich ein ereignisloser Tag, dachte Elina und las weiter in ihren Verhörprotokollen.
»Übrigens, Wiik…«
Sie hob den Kopf und sah wieder Kärnlund in der Tür.
»… vergiss die 8-Uhr-Besprechung nicht. Heute Nacht ist einiges passiert.«

 

Copyright © 2020 Thomas Kanger