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Der werfe den ersten Stein
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Kapitel 1

Teil 1
3.–22. Mai

Der Notruf ging um 03.36 Uhr ein. Die Rettungsassis-
tentin der Leitzentrale gab sofort Großalarm. Bei allen Leuten vom Rettungsdienst in Surahammar, Virsbo, Hallstahammar und Västerås piepsten die Personen-
sucher gleichzeitig. Einige Sekunden später ertönte die Stimme der Rettungsassistentin in den kleinen Lautsprechern.
»Feuer im Bürgerhaus von Surahammar!«
Sie nahm Kontakt zum Dienst habenden Leiter des Rettungsdienstes von Surahammar auf.
»Eine Person hat gemeldet, dass es im Bürgerhaus brennt«, sagte sie. »Er sagt, es brennt heftig auf der Rückseite und dass eine starke Rauchentwicklung besteht.«
»Verstanden«, sagte der Rettungsleiter.
Danach alarmierte die Rettungsassistentin den Dienst habenden Vorgesetzten der Polizei in Västerås und wiederholte ihre Nachricht.
Der Vorgesetzte in Västerås beorderte eine Nachtstreife nach Surahammar, wo sie den Unglücksort absperren und eventuelle Zeugenaussagen aufnehmen sollte. Die Streife bestand aus einem Streifenwagen mit den Polizis-
ten Karlsson und Agestål.
Karlsson fuhr mit Blaulicht. Vierzehn Minuten später bremste er vor der Fußgängerzone von Surahammars Zentrum, stellte den Motor ab, stieg aus dem Auto, blickte geradeaus und sagte nur drei Worte:
»Herr im Himmel!«
Agestål, der auch ausgestiegen war, sagte nichts. Er holte die Absperrbänder, machte ein paar Schritte vorwärts und schaute. Langsam drehte er sich zu Karlsson um.
»Wir sperren erst die Fußgängerzone an beiden Enden ab, die Seiten nehmen wir uns später vor. Hoffentlich schmelzen die Bänder nicht.«
Die Flammen schlugen mindestens acht Meter hoch. Von Karlssons und Ageståls Standpunkt aus schien es, als würde das ganze Gebäude in Flammen stehen. Vor dem großen Haus standen Löschzüge und Tankwagen, die von drei der vier alarmierten Rettungsdienste ge-
kommen waren. Die Wagen aus Västerås waren noch nicht da. Aber das spielte wahrhaftig keine Rolle mehr. Hier galt es nur noch zu verhindern, dass das Feuer
auf andere Häuser im Zentrum übergriff. Das Bürgerhaus schien bereits ein Raub der Flammen geworden zu sein.
Als der südliche Zugang abgesperrt war, ging Agestål zu dem Feuerwehrmann, der ihm am nächsten stand.
»Wer ist hier der Rettungsleiter?«, fragte er.
»Kent Widell«, antwortete der Feuerwehrmann und zeigte auf einen Mann. »Er steht dahinten, beim Leiterwagen.«
Agestål ging zu ihm.
»Agestål, Polizei Västerås. Sind hier Zeugen anwesend?«
»Soviel ich weiß, nicht«, antwortete Widell.
Drinnen im brennenden Gebäude krachte es. Es klang, als ob ein Teil des Daches eingestürzt wäre. Agestål hielt eine Hand vor sein Gesicht, um sich gegen die Hitze zu schützen.
»Komm, jetzt sperren wir den nördlichen Zugang ab«, forderte ihn sein Kollege auf.
Als alles abgesperrt war, rief er die Notrufzentrale an und fragte, ob jemand wusste, wer den Brand gemeldet hatte.
»Nein«, antwortete die Rettungsassistentin. »Ich weiß nur, dass der Anruf aus einer Telefonzelle kam, so viel kann ich hier erkennen.«
Agestål wandte sich an Karlsson.
»Sie wissen nichts«, sagte er. »Das muss die Kripo später herausfinden. Wir müssen uns darauf einstellen, den Platz abzuschirmen.«

Als Kriminalkommissar Erik Enquist von der Polizei in Hallstahammar kurz vor halb sechs morgens nach Surahammar kam, war das Feuer gelöscht. Die Fassaden der Nachbargebäude waren verrußt, aber sonst nicht in Mitleidenschaft gezogen. Vom neuen Bürgerhaus, das vor etwa neunzehn Jahren das alte Bürgerhaus ersetzt hatte, standen nur noch die Ziegelsteinmauern. Aus einigen Teilen des Gebäudes stieg immer noch Rauch auf. In der Fußgängerzone breiteten sich rußschwarze Wasserlachen aus. Die Brandtechniker der vier Rettungsdienste hatten angefangen, in den Resten, die sie betreten konnten, nach Spuren zu suchen. Enquist ging zu Kent Widell.
»Wissen Sie schon was?«, fragte er.
»Dass es wie in der Hölle gebrannt hat«, antwortete Widell, »sonst wissen wir nicht viel. Die Techniker haben eben erst angefangen, es dauert sicher noch eine Weile, ehe wir klarer sehen. Gehen Sie hinein und schauen Sie selbst.«
Im selben Augenblick ertönte von der Rückseite des Hauses eine Stimme:
»Widell! Hörst du mich? Kannst du mal herkommen?«
Kent Widell ging um die rauchende Ruine herum und kletterte durch ein Loch in der Fassade. Erik Enquist folgte ihm. Sie arbeiteten sich über Wasser getränkte, verkohlte Reste der Einrichtung zu einem Brandtechniker mit Namen Per Pettersson vor. Er stand an einem Fenster.
»Schauen Sie, da.« Pettersson zeigte auf den Fußboden.
»Aha, nun wissen wir also mehr«, stellte Widell fest.
»Was wissen wir?«, fragte Erik Enquist und sah die beiden Feuerwehrleute an.
»Glasscherben«, sagte Pettersson. »Das Fenster ist von außen eingeschlagen worden. Fenster in einem brennenden Haus werden fast immer von der erhitzten Luft gesprengt, von Ausnahmen abgesehen. Das Fenster ist vermutlich vor dem Brand eingeschlagen worden. Dies scheint der Teil des Gebäudes zu sein, der am leichtesten brennbar war, hier kann das Feuer ausgebrochen sein.«
»Also Brandstiftung«, stellte Enquist fest. »Dann müssen auch Leute von der Spurensicherung der Kripo her.«
»Bevor wir ganz sicher sein können, sind natürlich Analysen nötig«, sagte Widell. »Wir haben noch viel zu tun. Aber ich wette, dass dieses Feuer gelegt wurde.«
Sie starrten auf die Glasscherben, als erwarteten sie eine Antwort von ihnen. Jemand klopfte Widell auf die Schulter. Es war Petter Pettersson, der Bruder von Per Pettersson, der auch Brandtechniker war.
»Können Sie mal kommen? Ich hab da was gefunden.«
Sie gingen etwas tiefer in das Gebäude hinein. In einem verkohlten Haufen auf dem Fußboden lag etwas, was einem Baumstamm mit Zweigen glich.
»Absolute Sicherheit gibt’s nicht«, sagte Petter Pettersson. »Aber ich glaube, hier handelt es sich um einen Menschen. Ich meine, das war mal ein Mensch. Ich bin ziemlich sicher. Dies hier muss ein Fuß sein.«
Erik Enquist schloss eine Sekunde die Augen und ging dann hinaus. Er nahm das Handy aus der Innentasche und wählte die Zentrale der Polizei von Västerås. Mit dem hier wurde er nicht mehr allein fertig.

 

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