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Der Blinde Fleck
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Kapitel 5

5. KAPITEL
Eine Woche später rief Elina ihre Freundin Susanne an. Das war das erste Telefonat nach fast sieben Wochen, seit Elina fortgegangen war. Susanne war zu Beginn des Gesprächs vor-sichtig, abwartend. Elina deutete es als Zeichen ihrer Unsi¬cherheit darüber, was in der Zwischenzeit aus ihrer Freund¬schaft geworden sei. Elina versicherte Susanne, dass sich an ihrer Freundschaft nichts geändert hätte. Susanne erzählte ihr im Gegenzug, dass sie, Elinas Eltern und andere Freunde sich große Sorgen um sie gemacht hätten. In ihrer Stimme schwang ein enttäuschter Unterton mit.
»Ich habe doch mit meinem alten Selbst gebrochen, nicht mit euch«, versuchte Elina zu beschwichtigen. »Ich musste ge¬hen, ich wollte allein sein. Ich kann es nicht anders sagen.«
»Und was machst du jetzt?«, fragte Susanne.
»Ich weiß noch nicht.«
Dann erzählte sie von Alex. Susanne hörte ihr zu, ohne zu unterbrechen. Elina meinte, ihr Lächeln zu spüren, hatte den Eindruck, Susanne teilte ihr Glück und ihre Freude. Der Rest ihrer Unterhaltung drehte sich hauptsächlich um praktische Dinge. Susanne erzählte, dass sie sich um Post und Blumen kümmerte, den Schlüssel hätte sie von Elinas Vater bekommen. Dann erkundigte sie sich nach offenen Rechnungen und den Mietzahlungen für ihre Wohnung im Lidmansvägen. Elina erklärte ihr, dass alles automatisch von ihrem Konto abgebucht werden würde.
»Ich habe einmal deine Post geöffnet«, beichtete Susanne. »Ein Brief hatte einen Polizeistempel, darum habe ich John Rosén angerufen und ihn gefragt, ob er vielleicht wüsste, wor¬um es in dem Brief gehe. Aber er hatte keine Ahnung. Darum habe ich ihn aufgemacht. Ich hoffe, das war in Ordnung?«
»Natürlich. Worum ging es denn?«
»Kurz gesagt, dass du entweder zurückkommen oder kün¬digen musst.«
»Und bis wann?«
»Bis Ende Mai.«
Also in zwei Wochen schon, dachte Elina.
Sie legte den Hörer auf und lehnte sich zurück. Sie saß auf dem Bett. Es war halb neun. Seit Beginn ihrer Liebesbezie¬hung mit Alex hatte sie noch keinen Morgen alleine verbracht. Heute war sie das erste Mal ohne ihn aufgewacht. Er war am Tag zuvor abgereist und hatte ihr eröffnet, dass er wahrschein¬lich auch über Nacht wegbleiben würde. Sie hatte seine Wär¬me vermisst und Schwierigkeiten gehabt einzuschlafen. Mit¬ten in der Nacht war sie aufgestanden und hatte beschlossen, zu ihm zu fahren und dort auf ihn zu warten. Aber ein Gewit¬ter war aufgezogen. Ein Sturm war übers Land gezogen. Das Fenster zum Dorfplatz hatte im Wind gerüttelt. Elina musste sich an Alex’ Worte unten am Strand erinnern, bei ihrer ers¬ten Begegnung. Wie winzig klein der Mensch dann werde. Die Straßenlaterne auf dem Platz hatte im Sturm hin- und hergependelt. Schließlich war Elina wieder in ihr leeres Bett zurückgeklettert.
Gegen Morgen hatte der Sturm sich wieder beruhigt. Was sollte sie nur tun, kündigen oder nach Schweden zurückkehren? Sie würde sich bald entscheiden müssen. Und das bedeutete, dass sie mit Alex über ihre gemeinsame Zukunft sprechen musste. Darüber hatten sie bisher kein einziges Wort verloren. Sie hatten nur für den Moment gelebt, nichts anderes. Es war viel zu früh, so einen schwerwiegenden Entschluss zu fassen. Sie wollte noch nicht zulassen, dass sich der Alltag in ihr Leben drängte. Noch nicht.
Elina aß Frühstück unten im Café. Alex erfüllte ihre Ge¬danken, ihr ganzes Wesen. Ihr gefiel es nicht, dass sie ihn nicht mit der Hand berühren und seine Augen sehen konnte. Und sie fragte sich, wo er wohl sein mochte. Sie sehnte sich danach, dass sein roter Fiat jeden Augenblick auf den Dorf¬platz rollen, er mit ihr in ihre kleine Wohnung kommen wür¬de und sie miteinander schlafen könnten, um die verlorene Nacht nachzuholen.
Sie zahlte und ging hinaus auf den Platz. Ihr Wagen stand in einer Seitenstraße, die Schlüssel lagen in ihrer Jackentasche. Nach kurzem Zögern stieg sie ein und fuhr los.
Es war nicht weit, wenige Minuten später hatte sie sein Haus erreicht. Der Nachbar stand mit seinen Ziegen auf sei¬nem Hof und sah ihr nach. Er hatte einen schwarzen Ziegen¬bock mit zwei sehr spitzen Hörnern an der Leine. Den hatte sie noch nie zuvor gesehen. Vor dem Haus stand Alex’ Wagen. Sie atmete erleichtert auf. Dann war er wieder zu Hause.
Elina klopfte an die Tür, aber Alex öffnete nicht. Vorsichtig drückte sie die Klinke hinunter, es war nicht abgeschlossen. Sie schob die Tür auf, rief seinen Namen und trat ein. Mitten im Zimmer blieb sie versteinert stehen.

 

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